Porträtfoto von Ouassima Laabich-Mansour bei einer Veranstaltung

Die Doktorandin und Projektmanagerin Ouassima Laabich-Mansour ist Referentin und Expertin in den Themenbereichen Rassismuskritik, Jugendpolitik, Partizipation und soziale Gerechtigkeit.

 

 

Ouassima, die ehrenamtliche Netzwerkarbeit macht einen großen Teil Deines vielfältigen Engagements aus, kannst Du uns ein wenig mehr darüber erzählen?

Gerne. Ich glaube fest an die Kraft von Ko-Kreation: Sie überträgt sich beispielsweise auf zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich für das Gemeinwohl engagieren, politische Partizipation fördern oder Empowermentarbeit mit Jugendlichen und von Rassismus Betroffenen realisieren,  aber eben auch auf Menschen und Organisationen, die sich für niedrige Mieten engagieren, den Bildungs- und Technologiesektor innovativer gestalten möchten usw.

Diese verschiedenen Initiativen und Organisationen zusammenzubringen, löst ein unendliches Potenzial aus, gemeinsam zu wachsen, voneinander zu lernen und weitere Vernetzungen zu ermöglichen. Ich finde es darüber hinaus auch wichtig, sektorenübergreifend zu kooperieren, um demokratische Prozesse noch effektiver, transparenter und wirkungsvoller zu machen, um systematischen und strukturellen Wandel zu realisieren.

 

Du hast wissenschaftliche Expertise nicht nur in den Bereichen Partizipation und Public Policy, sondern auch in Rassismusforschung. Inwiefern sind Beteiligung und Ehrenamtsmanagement heute von Rassismus beeinträchtigt?

Ehrenamtliches Engagement ist ein Herzstück unseres Zusammenlebens, doch es liegt in der (aktuellen) Natur der Förderpolitik, dass Fördermittel meist nur projektgebunden und kurzfristig angelegt sind statt strukturell und langfristig. Im Ehrenamtsmanagement von Menschen und Selbstorganisationen, die intersektional von verschiedenen Diskriminierungs- und Rassismusformen (wie bspw. auch Klassismus) betroffen sind, sehen wir Hürden in den Zugängen und im institutionellen Wissen darüber, wo es Fördertöpfe gibt und wie sie zu erreichen sind – Antragsdeutsch ist ja fast eine eigene Sprache. Diese Hürden machen sich auch darin bemerkbar, dass z.B. auf Jugendliche of Color, auf muslimische, jüdische, Schwarze Menschen oder auch auf Romn:ja und Sint:ezze häufig aus einer defizitorientierten Perspektive oder unter dem Einfluss von Sicherheitsdiskursen geblickt wird. Würden die Selbstorganisationen hier potenzialorientiert und wohlwollender betrachtet, gäbe es wohlmöglich mehr Fördertöpfe, die sich an ihren Bedarfen orientieren. Zuletzt muss Empowermentarbeit strukturell gefördert werden: Empowerment von und für Menschen, die Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen machen, wird bisher nicht ausreichend anerkannt.

 

In welchen Bereichen der Gesellschaft ist es um die Repräsentation von Menschen mit Migrationsgeschichte besonders schlecht bestellt? Woran liegt das?

Wir sehen in allen Bereichen und sektorenübergreifend eine Unterrepräsentation von Menschen of Color/mit Migrationsgeschichte und natürlich Nuancen und Unterschiede je nach Bundesland, Sektor, Land-Stadt etc. Vor allem in Verwaltung, Politik und in Entscheidungsfunktionen fehlt es an entsprechender Diversität, die die gesellschaftliche Vielfalt angemessen abbildet. Es gibt unterschiedliche Gründe dafür: erschwerte Zugänge und kulturelles/soziales Kapital, Rassismus- und Diskriminierung, aber auch das (mangelnde) Attraktivitätslevel gewisser Berufsfelder. Es bräuchte hier gezielte Rekrutierungsstrategien sowie eventuell Quotenregelungen und die Herstellung diversitätssensibler und rassismuskritischer Arbeitskontexte.

 

Was ist Deine Motivation, bei GEMEINSAM BERLIN an der Erarbeitung von Handlungsempfehlungen mitzuwirken, und was erhoffst Du Dir von der gemeinsamen Arbeit?

Ich fand die Idee von Anfang an toll, dass verschiedene Akteur:innen aus zivilgesellschaftlichen, wissenschaftlichen, aktivistischen, öffentlichen und kulturellen Institutionen und Organisationen zusammenkommen und sich darüber Gedanken machen, was die Bewohner:innen von Berlin sich wünschen, wo die Bedarfe und Bedürfnisse liegen – und dabei eben zur Abwechslung mal einen Fokus auf Berliner:innen of Color/mit Migrationsbiografie zu legen. Dadurch, dass wir alle unterschiedliche Backgrounds und Zugänge haben, konnten wir uns gegenseitig ergänzen und symbiotisch aufeinander aufbauen. Nach einigen Gesprächsrunden und vor dem Hintergrund der Diskussionen um das Partizipationsgesetz haben wir einen tollen und lehrreichen Austausch mit spannenden Menschen auf die Beine gestellt und daraus die Handlungsempfehlungen partizipativ erarbeitet. Wie eingangs gesagt, bin ich ein großer Fan von Ko-Kreation und Kollaborationen, und dieser Prozess mit GEMEINSAM BERLIN war genau davon geprägt.

Da es Vorbilder braucht: Hast Du Beispiele für eine gelungene diverse Beteiligung oder für Projekte, Prozesse oder Organisationen, die die Perspektive von Rassismus betroffener Menschen konsequent einbeziehen?

Klar, beispielsweise migrantische/BIPoC-Selbstorganisationen und muslimische, jüdische, Schwarze, Romn:ja etc. Jugendgruppen: Sie stellen i.d.R. die Bedarfe und Bedürfnisse der Teilnehmenden und Mitglieder:innen in den Mittelpunkt und leisten unglaublich wichtige Empowermentarbeit, und das sehr oft ehrenamtlich. Da liegt ein sehr großer Wissensschatz darüber, wie bedarfsorientierte und potenzialfördernde Arbeit aussehen kann und sollte, was Partizipation bedeutet und wie sie gelingen kann. Vor allem gibt es hier aber auch Strategien, wie diese Perspektiven Eingang in die Mehrheitsgesellschaft finden, und zwar ganzheitlich und strukturell. Ich würde mir wünschen, dass Selbstorganisationen und zivilgesellschaftliche Allianzen wie zum Beispiel die Progresso-Maschine oder viele andere mehr in die Findungs- und Entscheidungsprozesse (etwa von Policies) einbezogen und dafür anständig honoriert werden und dass ihre wichtige Arbeit nicht nur anerkannt, sondern auch strukturell verankert wird.

 

Foto: Jugendpressse Deutschland e.V.

Redaktion Gemeinsam Berlin (NK)