Montag, 11. November 2019, 17 – 19.30 Uhr

ExRotaprint Projektraum, Gottschedstr. 4, 13357 Berlin

Unsere Gesellschaft driftet auseinander. Das wird auch mit Blick auf die Jugend deutlich: Totalitäre Ansichten und ein Gefühl des „Nichtgehörtwerdens“ spielen hier eine immer größere Rolle. Gleichzeitig engagieren sich immer mehr Jugendliche ehrenamtlich.

Das Projekt GEMEINSAM BERLIN möchte herausfinden, wie Berliner*innen ihre Stadt am besten voranbringen können. Der Themenbereich „Stadt für alle“ fragt gezielt nach den Gruppen, die in der Stadtdebatte bisher nur selten gehört werden.

Besondere Aufmerksamkeit wurde dabei am 11. November dem Thema Jugendbeteiligung gewidmet: Wie kann die Partizipation junger Menschen sichergestellt werden? Was wünschen sich Kinder und Jugendliche für ihr Berlin und wie können diese Wünsche realisiert werden? Diese Fragen wurden im Rahmen des Workshops „Jugend bewegt!“ diskutiert.

Illustration: Christian Rothenhagen / deerBLNstudio

Jugendliche und Erwachsene aus unterschiedlichen Institutionen und Milieus haben im Rahmen des „Jugend bewegt!“-Workshops von ihren Erfahrungen berichtet. Die gemeinsame Diskussion zielte auf die Erarbeitung von Handlungsempfehlungen ab.

Um 17 Uhr hieß zunächst Friedemann Walther, Referatsleiter für Bürgerschaftliches Engagement und Demokratieförderung der Berliner Senatskanzlei, alle Anwesenden willkommen. „Wir als Senatskanzlei wollen Räume schaffen, in denen man das Thema Jugendbeteiligung diskutieren kann“, so Walther. Es sei der Senatskanzlei ein wichtiges Anliegen, sich nicht mit den aktuellen demokratiefeindlichen Tendenzen abzufinden, fuhr er fort und setzte in diesem Zusammenhang das GEMEINSAM BERLIN-Motto „Stadt für alle“ zum Ziel: „Dafür zu kämpfen, lohnt sich.“

Stefan Richter, Vorstand der Stiftung Zukunft der Berlin, übernahm anschließend das Wort und ging näher auf Arbeitsweise und Zielsetzungen des GEMEINSAM BERLIN Projektes ein. Dabei betonte er: „Wir gehen rein in die Praxis, aber wir sind auch eine lernende Organisation. Deshalb haben wir heute Jugendliche aus ganz verschiedenen Stadtteilen und Milieus eingeladen.“

Danach führte Pia Yvonne Schäfer fort, die bei der Drehscheibe Kinder-und Jugendpolitik Berlin als Projektkoordinatorin tätig ist. „Wir freuen uns, dass das Gespräch zum Thema wieder gesucht wird und wir unsere Expertise einbringen können“, so Schäfer. „Es gab in der Vergangenheit immer mal wieder Kinder- und Jugendparlamente oder Büros, aber all diesen Stellen ist gemein, dass sie eigentlich immer recht knapp ausgestattet und je nach Ort schlecht verankert sind. Wir haben gemerkt, dass sich das ändern muss und entsprechende Standards aufgestellt.“ Das neue Beteiligungskonzept stellte Schäfer in Form eines „Haus der Kinder- und Jugendrechte“ vor.

Das „Haus der Kinder- und Jugendrechte“. © Henri Giese

Nach dieser thematischen Einführung teilten sich alle Anwesenden je nach Interessenschwerpunkt in drei Workshops auf: Beim ersten Workshop sollte es unter dem Titel „Einmischen -Ihr entscheidet! Vor allem darum gehen, in welchen Situationen junge Menschen sich einbringen können, was sie zur Partizipation motiviert und wer von ihrem Engagement profitieren kann. Workshop II („Mitmischen -Ihr gestaltet!“) setzte sich schwerpunktmäßig mit den Fragen auseinander, an welchen Stellen Jugendbeteiligung möglich ist und wie sichergestellt werden kann, dass Jugendliche wirklich angehört und ernstgenommen werden. Der dritte Workshop „Durchziehen-Ihr organisiert!“ tauschte sich schließlich über die  richtige Strukturierung und Organisation von Jugendbeteiligung aus. Auch die Frage nach den passenden Formaten und Methoden für bestimmte Zielgruppen spielte eine Rolle.

Im ersten Workshop wurden insgesamt drei Projekte von Vertreter*innen vorgestellt, die exemplarisch zeigen, wie Jugendbeteiligung in der Praxis umgesetzt werden kann: Das Barcamp bzw. die Jugend-BVV, bei der Jugendliche im Alter zwischen 14 und 24 Jahren ihre Probleme aus dem Schulalltag diskutieren und über mögliche Zukunftspläne austauschen können. Die Spielplatzplanung, bei der die Kinder aktiv zu ihren Wünschen und Meinungen befragt wurden. Und das SV-Network, bei dem Schüler*innen andere Schüler*innen im Bereich Partizipation beraten. Allen drei Formaten ist gemein, dass sie bezirklich organisiert wurden, aus spezifischen akuten Bedürfnissen heraus entstanden sind und ohne Unterstützung von äußeren Akteuren zurechtkommen mussten. Einig wurde man sich in der Diskussion vor allem darauf, dass sich die Debatte in vielerlei Hinsicht stärker auf die Erwachsenen konzentrieren müsse: So solle es weniger darum gehen, wie Kinder auf die Erwachsenen zugehen könnten, sondern vielmehr darum, wie die Erwachsenen künftig besser auf Kinder eingehen, um diese zu beteiligen. Adultismus – d.h. der Machtungleichheit zwischen Kindern und Erwachsenen – müsse zum Beispiel auch entgegengewirkt werden, indem mögliche Ängste der Erwachsenen bezüglich der Jugendbeteiligung abgebaut werden, damit diese den Jugendlichen auf Augenhöhe begegnen.

Im Laufe der Diskussion von Workshop II war man sich bald einig, dass die in der Regel knapp bemessenen Mittel und Ressourcen der Jugendarbeit so eingesetzt werden sollten, dass möglichst vielfältige Strukturen und Interessen berücksichtigt und diverse Milieus angesprochen würden. Neue Jugendinitiativen sollten dabei in die bereits bestehenden Strukturen eingebunden und einzelne Formate nach Möglichkeit miteinander kombiniert werden, sodass es zu einem Kompetenzaustausch kommen könne. Dabei müssten die vereinbarten Qualitätsstandards stets beachtet  werden. Im Vordergrund stünde außerdem immer die Stärkung der individuellen Persönlichkeit der Jugendlichen, sodass ihnen künftig zum Beispiel echte Wertschätzung von Politik und Verwaltung  entgegengebracht und ihre Lebenswelt aktiv in die Organisation mit einbezogen werden müsse.

Workshop I. © Henri Giese

Zentral im Workshop III war zunächst die Frage, wie verhindert werden könne, dass Jugendbeteiligungsprojekte bereits einige Jahre nach ihrer Gründung ins Leere liefen. Zum einen solle man deshalb in die Regeneration der Zielgruppe investieren: Beim Peernetzwerk Spandau stelle man etwa vor allem über soziale Medien den Kontakt zur nächstjüngeren Generation her. Auch sei es wichtig, von Anschubfinanzierungen wegzukommen und stattdessen eine langfristige Zahlung für Beteiligungsprojekte zu gewährleisten, sodass Strukturen nachhaltig aufgebaut werden könnten. Dabei sollten die Strukturen ein gewisses Maß an Grundflexibilität beibehalten, um anpassungsfähig und erneuerbar zu bleiben. Noch zu häufig stellten sich Schulen beim Thema Mitbestimmung quer, sodass Projekte nur halbherzig umgesetzt werden könnten. Diesem Problem könne durch eine konkrete Förderung der Schulen sowie eine erhöhte Zahl an unterstützenden Sozialarbeiter*innen entgegengewirkt werden. Auch von der Schule unabhängige Stellen sollten weiter geschaffen werden und abseits von den Schulen Strukturen aufbauen.

Vorstellung der Ergebnisse. © Henri Giese

Im Anschluss an die Diskussionsphase stellten alle Workshops ihre Ergebnisse vor. Im Rahmen der darauffolgenden Auswertung fassten Friedemann Walther, Stefan Richter und Pia Yvonne Schäfer, die ebenfalls an den Workshops mitgewirkt hatten, ihre Eindrücke zusammen und zeigten sich im Hinblick auf zukünftige Entwicklungen zuversichtlich. Tilmann Weickmann vom Landesjugendring unterstrich noch einmal, dass alle Handlungsempfehlungen wichtige Aspekte der Jugendbeteiligung beschreiben, woraufhin Jasper Penz vom Bildungswerk für Schülervertretung und Schülerbeteiligung e.V. sich vor allem unsicher darüber äußerte, inwiefern sich in naher Zukunft die Problematik der Ressourcenfrage lösen werde: Beim SV-Bildungswerk müssten sie jedes Mal aufs Neue um Anträge kämpfen. Abschließende Worte fand schließlich June Tomiak, Sprecherin für Jugend, Verfassungsschutz und Strategien gegen Rechtsextremismus bei der Fraktion von Bündnis 90/die Grünen und mit 22 Jahren das derzeit jüngste Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses: Viele der genannten Probleme seien ihr nicht neu, „das neue Jugendfördergesetz will aber genau diese Themen künftig in den Blick nehmen“, so Tomiak. Es gebe noch viel zu tun, aber die neuen Regelungen und das stattgefundene Treffen stünden für einen guten Anfang.

Illustration: Christian Rothenhagen / deerBLNstudio

Redaktion GEMEINSAM BERLIN (CZ)

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