Ich fühle was, was du nicht fühlst.

„Alles okay?“ Seine Worte rütteln mich aus meinem Tagtraum. Ich versinke in seinen tiefblauen Augen, lächle ihn an und antworte „Ich bin so froh, dass es dich gibt.“ Er grinst und küsst mich liebevoll auf die Wange. Dann gibt er mir das viel zu süße Schokoeis, auf das wir gerade eine halbe Ewigkeit gewartet haben und wir laufen weiter in Richtung des brausenden Springbrunnens.

Mich macht es immer so glücklich, im Sommer hier zu sein, wenn die Blumen blühen, die Vögel zwitschern und das Geräusch der Fontäne mich in seinen rauschenden Bann zieht. „Hier und jetzt ist alles okay.“ Wieder und wieder wiederhole ich den Satz in meinem Kopf. „Hier und jetzt ist alles okay.“ Wir setzen uns auf den Rand des Brunnens und beobachten zwei kleine Mädchen. Eine der beiden ruft „Lass uns ein Spiel spielen. Ich sehe was, was du nicht siehst!“

Plötzlich sehe ich es wieder vor mir. Ich erlebe es so hautnah, als würde es gerade in diesem Moment passieren. Es scheint unmöglich, meinem Gehirn klarzumachen, dass all das längst vergangen ist. Ich will schreien, aber verschlucke mich an meiner Angst.

Das Rauschen des Springbrunnens holt mich zurück in die Gegenwart. „Hier und jetzt ist alles okay“, denke ich und blicke zu den beiden Mädchen, die immer noch fröhlich miteinander spielen. Ich bemerke, dass mein Eis längst geschmolzen ist und sich ein brauner Fleck auf meinen nigelnagelneuen weißen Sneakern ausgebreitet hat. „Schmeckt dir das Eis?“ Seine warme Stimme durchbricht meine innere Kälte. „Ist okay“, sage ich ihm. „Hier und jetzt ist alles okay“, sage ich mir.

Mein Tagtraum ist ein grausamer Tagalptraum. Wie auf Dauerschleife läuft er vor meinem inneren Auge ab, wieder und wieder bringt er meinen Organismus in einen absoluten Ausnahmezustand. Meine Brust schnürt sich so eng zusammen, dass ich das Gefühl habe, kaum mehr atmen zu können, mein Herz rast so schnell, dass es aus meinem Brustkorb zu springen scheint und mein ganzer Körper beginnt zu zittern, als würde ich jeden Moment erfrieren. Ich spüre in jeder Pore Angst, Verzweiflung und Hilflosigkeit. „Hier und jetzt ist alles okay“ ist leichter gesagt als gefühlt, wenn so viel gar nicht okay ist.

Lasst uns ein Spiel spielen. Ich fühle was, was du nicht fühlst. Ich fühle was, was du nicht fühlst, und das ist Angst. Angst, dass ich all diesen Schmerz irgendwann nicht mehr aushalten kann. Angst, dass ich diesen Traum für immer träumen muss. Angst, dass niemand versteht, was in mir vorgeht. Ich wünsche mir, dass wir alle öfter dieses Spiel spielen. Dass wir einander zuhören und versuchen zu verstehen. Dass wir füreinander da sind und uns unterstützen. Dass wir das Unsichtbare sichtbar machen. Und vielleicht ist dann wirklich irgendwann… alles okay.

Viele Kinder und Jugendliche fühlen sich allein gelassen

Dieser Text stammt von der 23-jährigen Studentin Laura Berger, die sich in unserer Initiative „Auf Augenhöhe“ als Jugendsprecherin besonders für das Thema „Mentale Gesundheit“ engagiert. Mit ihrem Engagement möchte sie dem Gewicht verleihen, was auch Diskussionsthema unserer Veranstaltung „Auf Augenhöhe – Mentale Gesundheit“ am 13. Oktober letzten Jahres war:

Die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen wird massiv vernachlässigt.

In Deutschland haben psychische Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Dieser negative Trend hat sich insbesondere durch die Covid-19-Pandemie enorm verschärft. Laut des Abschlussberichts einer Interministeriellen Arbeitsgruppe der Bundesregierung vom 8. Februar 2023 sind 73 Prozent der Kinder und Jugendlichen immer noch psychisch belastet.[1]

Leider erhalten viele Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene auch mit hohem Leidensdruck nicht ausreichend Hilfe und fühlen sich alleingelassen. „Es ist unglaublich, wie viele Menschen aktuell nicht die psychotherapeutische Behandlung bekommen, die sie so dringend bräuchten. Bei physischen Erkrankungen wäre eine derartige Versorgungslage undenkbar“, berichtet Laura.

Die Teilnehmenden der Veranstaltung „Auf Augenhöhe – Mentale Gesundheit“ waren sich einig, dass zunächst die Schulen als wichtige Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche gestärkt werden müssen. Hierbei geht es nicht nur um den gezielten Einsatz von Schulpsycholog:innen, sondern auch um Weiterbildungen für alle Lehrkräfte und präventive Maßnahmen im Rahmen eines Unterrichtsfachs „Mentale Gesundheit”.

Doch auch der Abbau von Hürden im Laufe der langjährigen Ausbildung von Psychotherapeut:innen sowie bei der Vergabe von Therapieplätzen durch die Krankenkassen seien zentral, um die aktuelle Situation zu verbessern. Zudem sollten funktionierende Hilfs- und Beratungsstellen, die schon jetzt aktiv Kinder und Jugendliche unterstützen, besonders gefördert werden, da diese entscheidende Expertise besäßen und ihr niederschwelliges Angebot schnell ausweiten könnten. Ebenso wichtig seien Screenings, die die Kinder und Jugendlichen selbst durchführen können, um ihren Zustand adäquat einschätzen und somit schnellstmöglich ein passendes Hilfsangebot nutzen zu können.

Mit dem Input aus der Veranstaltung und weiteren Gesprächen mit Expert:innen und Praktiker:innen arbeitet die Initiative nun an einem Forderungspapier, das mit Stakeholder:innen diskutiert und an Politik und Verwaltung weiter gegeben werden soll.

„Ich wünsche mir, dass wir alle öfter dieses Spiel spielen. Dass wir einander zuhören und versuchen zu verstehen. Dass wir füreinander da sind und uns unterstützen. Dass wir das Unsichtbare sichtbar machen. Und vielleicht ist dann wirklich irgendwann… alles okay.”

Nicht nur über, sondern mit jungen Menschen reden – Auf Augenhöhe!

Laura möchte mit ihrem Engagement nicht nur dafür sorgen, dass wir als Gesellschaft offen, ehrlich und ohne Scham auf die Frage „Alles okay? antworten können, sondern auch anderen jungen Menschen zeigen, dass die eigene Stimme zählt.

Denn genau das ist der Ansatz von „Auf Augenhöhe” – es soll nicht nur über, sondern vor allem mit den jungen Menschen gesprochen werden. Die Initiative, die von jungen engagierten Menschen in der Stiftung gegründet wurde, möchte mit diesen anti-adultistischen Formaten zeigen, dass es nicht nur wichtig ist, die Themen aufzugreifen, die für junge Menschen relevant sind, sondern auch, wie sich über diese Themen ausgetauscht wird – AUF AUGENHÖHE!

[1] https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/handlungsempfehlungen-kindergesundheit-08-02-2023.html

 

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