Marita Orbegoso Alvarez, 52, hat bereits in ihrem Heimatland Peru im Kontext Partizipation gearbeitet und war immer politisch aktiv. In Berlin hat sie diese Arbeit weitergeführt, heute ist sie Projektleiterin von MigraUp!: Das Projekt unterstützt Migrant*innenselbstorganisationen durch Beratung und Vernetzung bei ihrer selbständigen Interessenvertretung. Orbegoso Alvarez‘  Engagement ist ein Beispiel dafür, dass Aktivismus etwas bewirken kann – heute ist MigraUp! ein wichtiger Motor für die Partizipation von Migrant*innen in Pankow. Im Gepsräch erzählt Orbegoso Alvarez, warum Partizipation und Mehrsprachigkeit für sie immer zusammengehören und wie  ihr Team und sie es geschafft haben, diese Themen auf die politische Agenda in Pankow zu setzen.

Marita, was hat dich nach Berlin geführt und was machst du hier?

Nach Berlin bin ich ursprünglich für mein Masterstudium gekommen. Ich bin eigentlich Lehrerin von Beruf aber ich habe nur acht Jahre lang in Peru als Lehrerin gearbeitet. Ich bin dann beim Projektmanagement gelandet und habe das über 10 Jahre in Peru gemacht.  Ich war in verschiedenen Formen des Community Organising aktiv, habe mit indigenen Communities gearbeitet, mit Menschen in Armut. Dabei waren mein Schwerpunkte immer Pädagogik, Menschenrechte und Partizipation.  Nach diesen zehn intenstiven Jahren im Community Organising habe ich dann nochmal im Bildungsministerium in Perus Hauptstadt Lima gearbeitet. Nach dieser Arbeitserfahrung im Ministerium und der Arbeit im Grassroots-Bereich habe ich gemerkt, dass mir persönlich theoretischer Input für meine zukünftige Arbeit fehlt. Deshalb habe ich einen Master in Public Policy in Berlin begonnen und auch ein Stipendium erhalten. Das war zwischen 2005 und 2007.

Du bist dann in Berlin geblieben und hast die „MaMis en Movimiento“ (MeM eV) gegründet –  ein Verein, der in Berlin lebenden Müttern mit spanischsprachiger Herkunft Austausch und Teilhabe ermöglichen soll. Wie kam es zu dieser Idee?

Nach dem Masterstudium habe ich in Berli n als External Consultant zunächst für InWEnt (die Internationale Weiterbildung und Entwicklung gGmbH, Anm. d.Red.), später für die GIZ  (Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, Anm. d. Red. ) gearbeitet. Außerdem wurde ich zu dieser Zeit schwanger. Mit der Geburt meiner Tochter hatte ich das Bedürfnis, mich mit anderen Müttern in Berlin zu vernetzen, die auch aus Lateinamerika kommen und einen ähnlichen akademischen Hintergrund haben wie ich. Ich habe mich deshalb für einen Verein engagiert, die Informationsstelle Peru und für diese eine kleine Forschung gemacht. Dabei bin ich auf eine Nische gestoßen: In 2008 habe ich viele peruanische Personen, vor allem Frauen, zu ihrem sozialen Engagement in Berlin und Deutschland generell befragt.  Dabei habe ich gemerkt: Die verschiedenen Angebote, die sich an diese Frauen richten,  legen ihren Fokus vor allem auf zwei verschiedene Ebenen, entweder den kulturellen oder den sozialen Bereich. Sie richteten sich dann zum Beispiel gezielt an Frauen in Trennungssituationen, oder Frauen mit Gewalterfahrung. Es ist gut, dass es diese Angebote gibt, aber die Frauen, mit denen ich mich vernetzt habe und ich, wir haben uns  mit keiner dieser Gruppen identifiziert. Ich habe deshalb dann gezielt gefragt: Welche Angebote richten sich an akademische Frauen? Viele hatten kleine Kinder und sahen sich mit Schwierigkeiten wie zum Beispiel der Integration in den Arbeitsmarkt konfrontiert, es gab aber keine Beratungsangebote für sie. Also habe ich einen Verein gegründet: Die „MaMis en Movimiento“ – Mutterschaft und Migration in Bewegung: 2009 als Frauen- und Elterninitative, zwei Jahre später fiel dann die Entscheidung zur  Vereinsgründung. Unser Schwerpunkt liegt auf der Förderung von  Zweisprachigkeit und Mehrsprachigkeit in verschiedenen Bereichen – nicht nur von Familien und Kindern, sondern auch auf der bildungspolitischen Ebene – und die Partizipation, insbesondere von Frauen mit lateinamerikanischem Hintergrund und spanischsprachigen Familien.

Wie habt ihr es geschafft, diesen Verein auf die Beine zu stellen?

Die Methode des Community Organising habe ich dabei immer als Organisationsinstrument genutzt. Ich habe meinen Rucksack gepackt und bin mit ihm durch alle Bezirke in Berlin gezogen, sodass wir jetzt vierzehn kommunale Koordinatorinnen pro Bezirk und drei regionale Koordinationen haben. Koordination, das heißt mit Institutionen, Familien und Kindern im bilingualen Bereich. Weil ich in Pankow wohne, habe ich mich mehr darauf konzentriert, unsere Angebote in diesem Bezirk zu etablieren.

Das klingt schon nach viel Arbeit – hast du darüber hinaus noch die Zeit gefunden, dich in anderen Bereichen in Pankow zu engagieren?

Ein paar Jahre lang habe ich auch als Mitglied des Integrationsbeirates in meinem Bezirk viele andere Möglichkeiten gefunden, mich zu engagieren. Für mich war diese politische Arbeit nämlich immer sehr wichtig, aber ich konnte meine Vereinskolleginnen nicht so recht dafür begeistern. Für viele lateinamerikanische Menschen und Frauen im Besonderen ist Politik etwas sehr Schlimmes.

Woran liegt das?

In Lateinamerika hat Korruption in der Politik eine lange Geschichte. Man kann sehr oft sehen, dass eine Person, die in der Politik gelandet ist, irgendwann in Korruptionsketten verstrickt ist. Deswegen findet von Seiten vieler lateinamerikanischer Personen eine Art moralische Distanzierung von Politik generell statt – auch unter denjenigen, die in Berlin leben.  Politik bedeutet für sie automatisch Korruption. In vielen Ländern, in denen die Menschen in einem kapitalistischen System aufwachsen,  gibt es auch gar nicht so viel Erfahrung mit politischem Aktivismus oder sozialem Engagement. Meine Familie war auch nicht so politisch engagiert, ich hatte aber in anderen Kontexten Menschen um mich, die mich mit ihrem Engagement geprägt haben und mir die Möglichkeit gaben, als junge Frau politische Partizipation zu erleben. Ich glaube, viele Menschen aus Lateinamerika denken, dass politische Partizipation immer nur über den Weg einer Partei führt. Da fehlt es an Information, aber auch an Erfahrung. Die Reflektion über politische Partizipation ist deshalb ein ganz wichtiges politisches Ziel für die Partizipation von Migrant*innen.

Mein erstes extern gefördertes Projekt in diesem Bereich habe ich mit 18 Jahren begonnen. Mit dieser Expertise habe ich dann auch in Pankow einfach selbst einige Projekte auf die Beine gestellt. Parallel habe ich mich selbst in verschiedenen Netzwerken engagiert, vor allem im Frauennetzwerk in meinem Bezirk. Aus der Perspektive des Community Organising wollte ich hier dieselbe Arbeit verwirklichen, die ich auch in Peru gemacht hatte. Ich war dort neben meiner Lohnarbeit immer politisch aktiv. Als Motto für die Organisation und Diskussion habe ich für die Partizipationsprojekte in Pankow immer Zwei- und Mehrsprachigkeit genutzt.

Warum ausgerechnet diese Themen?

Ein Kind auf die Welt zu bringen bedeutet gerade für migrantische Frauen eine große Transformation in ihrem Leben: Das Interesse an Mehrsprachigkeit fällt mit dem Wunsch zusammen, einen Platz in der Welt für dieses Kind zu finden. Ich wollte eine gute Mutter für mein Kind sein und bauchte dafür gleichzeitig einen Platz für mich selbst in dieser Gesellschaft. Viele Frauen, die ich zu diesem Zeitpunkt kannte, waren in der gleichen Situation. Sie hatten ebenfalls  einen akademischen Hintergrund. Damit kam die Frage auf, wie eine bessere Integration für sie und mich aussehen kann. Deshalb habe ich die Zweisprachigkeit – Spanisch-Deutsch  –  als Motor zur Organisation verschiedener Eltern, insbesondere der Mütter, angesehen: Wir organisieren uns selber, nicht mit einem explizit politischem Ziel, sondern zunächst schlicht mit dem Ziel, dass unsere Kinder mit einer positiven Haltung zu ihren Muttersprachen und  Kulturen in Deutschland aufwachsen können. Die Sprache ist das beste Instrument, um diese emotionale Sicherheit dafür zu schaffen – für alle Eltern  – und den Bildungsprozess auch in unseren Kindern zu stärken. Deswegen ist es aus meiner Sicht nicht so, dass Partizipation und Mehrsprachigkeit zwei separate Prozesse sind, sondern sie sind eins in ihrer Entwicklung und Geschichte. Aus dieser Perspektivelässt sich Mehrsprachigkeit als Potenzial, und nicht als Problem betrachten.

Es war aber gar nicht so einfach, diese Themen zu etablieren, weil Mehrsprachigkeit ursprünglich kein Integrationsthema war. Die ersten fünf Jahre waren deshalb leider sehr schwierig. Die Vereinsgründung und –entwicklung, das alles haben wir ja auch noch ehrenamtlich gemacht. 2014 haben wir in Pankow dann eine neue Integrationsbeauftragte bekommen: Eine junge Mutter mit Migrationshintergrund, Katarina Niewiedzial. Sie hat mit uns gearbeitet und war sehr überzeugt von den Themen, die unser Verein „MaMis en Movimiento“ zusammen mit anderen MSO (Migantische Selbstorganisationen, Anm. d. Red.) mitgebracht hat. Wir haben zusammen Strategien und Ideen für unseren Bezirk entwickelt. Und haben es so tatsächlich geschafft, das Thema Mehrsprachigkeit als Thema mit hoher Priorität im Bezirksamt Pankow einzubringen. Damit wurde es zu einem wichtigen Thema auf der politischen Agenda für die Integrationspolitik und die politische Partizipation in Pankow –und die Finanzierung war gesichert.

Marita Orbegoso Alvarez. (Foto: Sascha J. Bachmann)

Was war für eure Arbeit noch wichtig, um eure Themen auf die politische Agenda in Pankow zu setzen?

Politik kannst du leider nicht nur mit guten Ideen machen; du brauchst auch eine Strategie, Lobbyarbeit, Expertise. Und du musst die Möglichkeiten finden, gefördert zu werden, da müssen wir realistisch sein. In unserem Fall war es Zufall, dass unsere Arbeit 2014 mit dem Anfang der sogenannten „Flüchtlingskrise“ und der Finanzkrise in Südeuropa zusammenfiel. Das war eine klare Herausforderung für die Verwaltung: Was machen wir mit diesen neuen Menschen mit Fluchtgeschichte oder Migrationshintergrund aus Europa ? Das war wie eine Explosion. Und die migrantischen Organisationen, insbesondere meine Organisation, haben ja schon immer in genau diesen Bereichen gearbeitet: Partizipation, Community Organising, Mehrsprachigkeit. Auf diese Weise war die Situation auch eine Chance für uns, unsere Arbeit und unsere Themen einzubringen.

Mittlerweile arbeitest du in erster Linie für ein anderes Projekt mit ähnlichen Schwerpunkten – Migra Up!. Das Projekt bietet  Migrant*innenselbstorganisationen die Möglichkeit, durch bessere Beratung und Vernetzung Fuß zu fassen und zu wachsen.  Wie kam es zur Gründung?

Ich war seit 2011 als Mitglied im Integrationsbeirat aktiv. Vor allem für die Linke war es seit dieser Zeit ein Kampf, die Förderung für eine Beratungsstelle für Migrantenorganisationen zu bekommen. 2014 dann hat die Verwaltung und insbesondere Katarina Niewiedzial gesehen, dass diese Beratungsstelle, dieses Konzept, besser nicht nur mit einer Person, sondern mit einem Verein umgesetzt werden sollte. Sie hat dann in Berlin einen Aufruf gestartet und verschiedenen Organisationen haben ihr Konzept vorgestellt – auch ich. Ich habe ein Tandemprojekt für die Beratung von Migrantenorganisationen konzipiert und mit diesem Projekt gewonnen – Migra Up!. Seit 2015 ist dieses Projekt nun Teil der interkulturellen Öffnung des Bezirksamtes Pankow und übernimmt gewissermaßen eine Vermittlerrolle zwischen Zivilgesellschaft und Verwaltung. Was als Grassroots-Arbeit anfing, machen wir jetzt also in enger Zusammenarbeit mit dem Integrationsbüro, der Integrationsbeauftragten und vielen weiteren Verwaltungsakteur*innen auf der kommunalen Ebene in Pankow.

Ein Tandemprojekt – was heißt das in diesem Fall konkret?

In 2014 gab es kaum kollaborative Arbeit im Bezirk. Für die neue Integrationsbeauftragte und mich war es aber immer wichtig, das aufzubauen. Ich wollte Kontakt zu den Kolleg*innen im Bezirk herstellen, gemeinsame Projekte auf die Beine stellen. Als ich das Projekt gewonnen habe, war für mich deshalb klar, dass diese kollaborative Art, die ich als Charakterstärke der „MaMis en Movimiento“ sehe, bei Migra Up! weiter ausgebaut werden soll. Ein Tandemprojekt war für mich ein Signal auch im Hinblick auf die Ressourcen: Wir bei Migra Up! Teilen mit den beteiligten Migrant*innenorganisationen nicht nur Informationen und Ideen, sondern auch die Finanzen und die Strategieentwicklung. Diese Idee wollte ich in die Praxis mitbringen, das war in Pankow damals nicht so. Bei dem Konzept des Tandemprojekts steht die Fragen im Vordergrund: Wie können wir gemeinsam voneinander lernen, unabhängig davon, welche Sprachen wir sprechen oder welcher Kultur wir angehören? Das war eine ganz wichtige Frage für uns. Der eine Partner bringt vielleicht das Netzwerk, der andere die Fachexpertise und am Ende profitieren alle. Nach fünf Jahren der Zusammenarbeit mit „MaMis en Movimiento“ arbeitet Migra Up seit 2020 mit einem neuen Träger: Dem OASE Berlin eV  in Kooperation mit dem VIA eV.

Was für Angebote gibt es dafür zum Beispiel?

Wir bieten jetzt bei Migra Up! zum Beispiel viel Beratung im Bereich Teambuilding an. Oder kollegiale Beratung, das heißt, wir helfen zum Beispiel beim professionellen Umgang mit Konflikten innerhalb der Organisation. Wir beraten auch neue Initiativen, zum Beispiel bei der Frage, wie eine gute Satzung aussehen sollte oder ein Verein gegründet werden kann, oder wie die Kommunikation mit dem Finanzamt klappt. Die größte Leistung unseres Projektes ist aber die Fachvernetzung zwischen Migrant*innenorganisationen und der Verwaltung. Das Bedeutung, dass wir den Organisationen ein Tor zu mehr Partizipationsmöglichkeiten in Verbindung mit ihrer Expertise eröffnen. Wir begleiten die alten und neuen Organisationen, wir kennen ihre Schwerpunkte, ihre Interessen, und mit diesem klaren Profil kann man dann eine bessere Lobbyarbeit machen.

Redaktion GEMEINSAM BERLIN (CZ)

1 Kommentar zu “Partizipation und Mehrsprachigkeit zusammendenken”

  1. Guten Tag,

    und tatsächlich ist es so, Frau Orbegoso ist sehr engagiert in ihrer Arbeit.
    Sie hat mich und meine Initiative Swahili Swahili von Beratung bis zur finanziellen Möglichkeiten unterstützt.
    Ich bin sehr Dankbar das Sie gibt!

    Asante Sana,

    Swahili Swahili Initiative

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