June Tomiak wurde 2016 als jüngste Abgeordnete bundesweit für die Grünen ins Berliner Abgeordnetenhaus gewählt. Dort ist die heute 23-jährige Sprecherin für Jugend, Verfassungsschutz und Strategien gegen Rechtsextremismus. Mit uns hat sie darüber gesprochen, wie ihre Arbeit als Politikerin aussieht und welche Themen ihr besonders wichtig sind.

Gemeinsam Berlin: June, warum machst du Politik?

June Tomiak: Die kurze Antwort lautet: Um Sachen besser zu machen. Damit habe ich schon als Jugendliche in der Schule angefangen: Ich wusste lange Zeit nicht, dass es bereits dort Beteiligungsstrukturen gibt, dass Klassensprecher*innen auch Jobs haben und dass es eine Schüler*innenvertretung gibt. Das ist ja heute noch so, dass man das nicht weiß, wenn man nicht drin ist. Als ich dann eher zufällig in diese Strukturen reingerutscht bin, haben sich mir all die Möglichkeiten entfaltet. Ich bin dann schnell zu allen Gremien gegangen, zum Landesschüler*innenausschuss, habe auf allen Ebenen mitgewirkt, die man so nutzen kann, um die Missstände aufzuzeigen, die ich an meiner Schule und grundsätzlich im Bildungssystem gesehen habe. Das hat viel Spaß gemacht, aber man hat auf diese Weise auch einen Einblick in viele Baustellen bekommen. Nach dem Abi habe ich überlegt, wie es weitergehen könnte. Als Schülersprecherin hatte ich in Gremien manchmal einen ziemlich paternalistischen Umgang mit jungen Menschen erlebt: Es wird eigentlich immer sehr begrüßt, wenn sie da sind; gleichzeitig wird man immer ein bisschen von oben herab behandelt. Weil mich das beschäftigt hat, hab ich mir dann mal angeschaut, wie viele jungen Menschen es überhaupt so in diesen Gremien gibt, wer überhaupt die Möglichkeit hat, da mitzumachen. Die Ergebnisse waren ernüchternd: Gerade auf hoher und kommunaler Ebenen sind Jugendliche nicht ausreichend repräsentiert. Sich dann einfach nur zu ärgern, ist aber auch nicht gut, also habe ich überlegt, was man da tun kann. Ich dachte mir: Wenn ich etwas ändern will, dann wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, um das zu tun. Ich habe mich dann dazu entschieden, zu versuchen, ins Abgeordnetenhaus zu kommen. Das war mir immer die liebste Ebene, wo ich am liebsten Politik machen wollte. Das hat dann auch geklappt und ich mache das jetzt seit vier Jahren.

GB: Bei den Grünen bist du u.a. Sprecherin für Jugend. Kannst du ein bisschen erklären, wie deine Arbeit in diesem Bereich aussieht und welche Rolle Beteiligung dabei spielt?

JT: Parlamentarisch sitze ich im Ausschuss für Bildung, Jugend und Familie mit drin, dort verhandle ich all die Dinge mit, die junge Menschen betreffen und setze auch die Themen in Anhörungen mit. Ich sehe meine Aufgabe auch darin, darauf zu achten, dass junge Menschen gehört werden. Mittlerweile bin ich nicht mehr die jüngste Abgeordnete Deutschlands. In Brandenburg ist jetzt die 20-jährige Ricarda Budke dazugekommen und das freut mich sehr. In Berlin bin ich aber weiterhin mit Abstand die jüngste Abgeordnete. Das hat eine Streitkraft, die ich zu nutzen versuche, indem ich ansprechbar bin und das ganze Drumherum des Abgeordnetendaseins transparent mache: Dadurch werde ich auch niedrigschwellig angesprochen. Einmal zum Beispiel von Schülerinnen in Brandenburg, die an ihrer Schule rassistische Hetze erlebt haben, ohne dass jemand eingeschritten ist. Ich war in Brandenburg zwar nicht die zentrale Ansprechpartnerin, aber ich konnte sie weitervermitteln an einen Träger, mit dessen Hilfe dann ein Aktionstag zum Thema Antirassismus an der Schule organisiert wurde. Das ist natürlich super, wenn man in so einen Moment merkt, dass Politik ansprechbar ist, denn auch dafür ist Politik ja da. Meine parlamentarische Rolle bedeutet für mich aber auch, durch die Stadt zu gehen und Politik greifbar zu machen, in die Schulklassen zu gehen und klarzumachen: Ihr könnt uns fragen und das wird auch nicht doof aufgefasst.

Politiker*innen können nicht allen Menschen gleich gerecht werden, deshalb muss es auch darum gehen, einen Interessenausgleich zu schaffen. Ein Interessenkonflikt, den ich während meiner Arbeit bald kennenlernen musste, ist der richtige Umgang mit Sachzwängen. Ein gutes Beispiel dafür ist das rund ums Rathaus Tempelhof geplante Neubauprojekt „Neue Mitte Tempelhof“. Da geht es unter anderem um ein Gelände des ehemaligen Grünflächenamts des Bezirks, das 2007 den dortigen Pfadfinder*innen überlassen wurde. Sie mussten dort keine Miete zahlen, haben sich alles selbst neu aufgebaut und finanziert. Das Gelände wurde nun als geeigneter Standort für ein neues Jugendfreizeitprojekt ausgewiesen, das den Bezirk unter anderem mit neuen Angeboten der offenen Kinder- und Jugendarbeit und Kita-Plätzen versorgen soll. Die Pfadfinder*innen haben jetzt natürlich Sorge, dass sie als schwacher Player nicht bedacht werden. Wir setzen uns nun dafür ein, dass sie in den Verhandlungen mitberücksichtigt werden und schauen genau hin, wie in diesem Kontext auch manchmal Jugendliche gegen Kindergärten ausgespielt werden. Es besteht die Gefahr, dass das Ursprungsgebiet der Pfadfinder*innen kleiner gemacht wird und am Ende die Bedarfe von allen Beteiligten nicht wirklich gedeckt werden. Mein Job und unser Job als Politik ist jetzt dafür Sorge zu tragen, dass diese wichtigen Anliegen nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern eine gute Lösung, die für alle tragbar ist, gefunden wird.

June Tomiak (Foto: Ben Groß).

GB: Bist du der Meinung, dass es für Kinder und Jugendliche in Berlin derzeit ausreichend Möglichkeiten gibt, sich politisch zu beteiligen, wenn sie wollen?

JT: Jein. Ich glaube, nicht das Wollen ist der Knackpunkt, sondern das Können und die Zugangsmöglichkeiten. Wenn man sich zum Beispiel einmal anguckt, was Schüler*innen in der Schüler*innenvertretung für Rechte haben, in Berlin und auch bundesweit, dann ist das eigentlich schon recht umfangreich. Aber es bleibt trotzdem die Frage: Wer sind die Jugendlichen, die überhaupt wissen, dass es das gibt? Ich habe ja schon erzählt, dass es mir anfangs auch so ging. Das ist der Knackpunkt, diese ganz hohe Diskrepanz zwischen den Angeboten und den Menschen, die das nutzen können. Wie kriegt man das hin, dass alle können, die wollen? Das ist eine schwierige Sache, auch für die Politik. Die Verankerung von Beteiligung in den Schulgesetzen ist da ein guter Ansatz, aber wenn das nicht so wirkt, wie wir uns das vorstellen, und Schüler*innen trotzdem das Wissen haben sollen – welche Schrauben müssen wir dann drehen? Das ist für mich die spannendere Frage. Wenn wir neue Gesetze durchbringen, hört es da für mich nicht auf, wir müssen diese Veränderungen auch produktiv begleiten, das heißt: Mit allen Leuten reden, fragen, wie die Umsetzung in den Bezirken funktioniert, den Leuten da auch proaktiv hinterherrennen. Das Jugendfördergesetz hilft niemandem, wenn es bei den Leuten gar nicht ankommt.

GB: Welche Gründe halten Kinder und Jugendliche erfahrungsgemäß davon ab, sich zu beteiligen?

JT: Das kann mit ganz verschiedenen Aspekten zusammenhängen. Das Elternhaus und das Umfeld, in dem man aufwächst, ist einer davon: Ist Politik dort ein Thema? Wird darüber gesprochen, dass du dich für deine Meinung einsetzen darfst? Die Schulen sind in der Regel immer noch zu hierarchisch organisiert, da passiert es noch zu selten, dass auch Lehrer*innen mal einen Schritt zurück gehen und den Raum lassen, um bestimmte Dinge im Unterricht demokratisch zu verhandeln. Auch im Bereich der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften wird noch zu wenig zum Thema Beteiligung angeboten. Zwar gibt es Möglichkeiten, in der Ausbildung solche Schwerpunkte zu setzen, aber vieles davon ist nicht verpflichtend. Dann sind viele Kinder und Jugendliche zum Beispiel auch pflegend tätig, das ist eine relativ hohe Dunkelziffer, die sich uns gerade erst entfaltet. Die haben gar keine Zeit, weil sie Großeltern oder Geschwister mit pflegen müssen. Diese jungen Menschen werden politisch viel zu wenig bedacht, weil sie für uns unsichtbar sind. Dass man den Kopf voll mit anderen Dingen hat, kann oft ein Grund sein, weshalb junge Menschen sich nicht beteiligen. Wenn die Eltern Geldprobleme haben, wenn es soziale Probleme gibt, dann beteiligen sich die Betroffenen wahrscheinlich nicht gerade bei der Spielplatzgestaltung. Sie beteiligen sich aber leider auch selten in den Themenbereichen, die sie betreffen, zum Beispiel in der Pflegepolitik, weil sie dann gar nicht den Einstieg finden: Wo kann man sich vernetzen und organisieren? Da sind dann schon die ersten Schritte blockiert. Es ist deshalb wichtig, schon im Kindergarten darüber zu sprechen, dass Minderheitenrechte wichtig sind, dass wir andere mitdenken müssen. Das merkt man ja auch gerade in der Pandemie: Ich bleibe auch Zuhause, um andere zu schützen. Solidarisch miteinander zu sein, das hat auch konkret etwas mit einem demokratischen Bewusstsein zu tun, und es wäre einfach schön, das schon in Kita und Schule mitzugeben – und gleichzeitig nicht von oben zu sagen: „Das ist so, wir müssen aufeinander achten!“, sondern auch einen nachhaltigen Lernprozess anzustoßen. Deshalb möchte ich in jungen Menschen auch das Bedürfnis wecken, gefragt zu werden.

GB: Was kann Berlin tun, um die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen weiter zu stärken?

JT: Das kommt darauf an, was die Bezirke aus den Maßnahmen machen, die bereits beschlossen wurden. Wir haben ein Gerüst gegeben und gesagt: Füllt das bitte mit Leben. Vielleicht brauchen wir in den Kiezen auch nochmal ganz unterschiedliche Angebote, je nach sozioökonomischer und soziokultureller Struktur. Dass zum Beispiel auch mehrsprachgie Sozialarbeiter*innen eingestellt werden, dass man schaut, welche Austauschreisen sinnvoll sind, die für Jugendliche auch eine Bedeutung haben und eine Verknüpfung mit der Identität schaffen können. Wenn man das durch soziale Projekte begleiten kann, und das sind ja Möglichkeiten, die wir jetzt (seit Inkrafttreten des Jugendfördergesetzes, Anm. d. R.) haben, dann macht mich das total glücklich. Für viele Träger im Bereich Kinder- und Jugendhilfe ist die neue Situation gerade ein bisschen strange, weil sie immer massiv unterfinanziert worden sind und immer bangen mussten, ob sie überhaupt irgendwie weitermachen können – viele von ihnen sind jetzt erstmal überfordert sind und suchen nach dem Haken. Aber es gibt dieses Geld und das muss jetzt auch ausgegeben werden. Mit den Leuten zu sprechen, sie da anzuregen und ihnen zu sagen: Vieles, was ihr wollt, ist möglich – darin sehe ich gerade meine Aufgabe. Dann zu gucken, welche Beteiligungsstrukturen haben wir schon in der Stadt; woher kommen die Kinder, die diese Angebote nutzen, und wie nutzen sie diese? Also, ist das zum Beispiel ein eher lokales oder eher globales Engagement? Wie kann man Bewegungen wie Fridays for Future auch auf Landesebene begleiten? Ein Bedürfnis, dass in diesem Zusammenhang oft von jungen Menschen formuliert wird, ist: Wir wollen einen Rahmen von euch bekommen, der dann auch wirklich umsetzbar ist, und zwar auch zeitnah. Wer sich zum Beispiel an der Spielplatzplanung beteiligt hat, soll dann natürlich auch noch darauf spielen können. Das ist ein reelles Problem, mit dem wir uns konfrontiert sehen. Ansonsten denkt man am Ende, dass alle Debatten jedes Jahr aufs Neue geführt werden und sich nichts verändert. Für uns als Politik ist das aber eine ganz schwierige Aufgabe. Wir müssen dann manchmal auch ein Stück weit entzaubern, was Politik tatsächlich kann und was tatsächlich zu ihren Aufgaben gehört. Das kann für Ernüchterung sorgen, aber das ist im Endeffekt nur fair, um da keine Erwartungshaltungen zu schaffen, die nicht erfüllt werden können. Wir nehmen gerne Anregungen mit, aber wir sind auch darauf angewiesen, dass es auch auf den anderen Ebenen Veränderungsprozesse gibt und Anstöße weitergeführt werden.

GB: Warum ist es so wichtig, dass junge Menschen in Berlin stärker beteiligt werden?

JT: Ich glaube, dass Jugendliche sehr viel zu sagen haben und eine gute Perspektive haben, die kaum gesehen wird. Meine Generation, aber auch die darunter wächst mit einem ganz neuen Selbstverständnis auf, von Mehrsprachigkeit und Mehrstaatlichkeit; viele Menschen vereinen diverse Identitäten in sich, haben ein neues Verständnis vom eigenen Lebensraum, denken und handeln globalisiert und sind vielen älteren Menschen technisch meilenweit voraus. Das ist einfach so und das merkt man gerade besonders deutlich, wenn sich Jugendliche zum Beispiel auf Tik Tok, Instagram oder WhatsApp organisieren und sich in Zeiten der Pandemie gegenseitig Kraft spenden und unterstützen. Da ist ganz viel Kreativität im Spiel und auch eine andere Wahrnehmung von den Dingen, wie sie gerade passieren. Ich wünsche mir, dass das sichtbarer wird in der Politik und dass da ein Lernprozess einsetzt, wie er es teilweise auch schon tut. Ich sehe das. Bei mir war früher zum Beispiel ein Handyverbot in der Schule noch ein Thema, da hatten wir die ganze Palette an Vorurteilen, warum wir das nicht nutzen sollten. Dann gab es mehrere Sitzungen mit Schulleiterkonferenz und den Lehrer*innen, um denen zu erklären, was wir Schüler*innen da eigentlich machen, dass wir auch Messenger nutzen, um uns zu vernetzen, Nachrichten konsumieren, Lernapps benutzen und so weiter. Es ging dann vor allem um die verantwortliche Nutzung von Social Media, weil es da konkret zu Problemen gekommen war, die dann gelöst werden konnten. Nach diesem großen Konflikt, der die Schule stark polarisiert hat, sorgte das für Entspannung auf allen Seiten und die Jugendlichen haben einen guten Einblick bekommen, was sie von der Politik haben und auch haben möchten, wenn sie die Situation einmal von der älteren Generation übergeben bekommen. Das gilt ja auch für das Thema Klimaschutz, dass man die Sorge hat, dass Dinge nicht im eigenen Sinne weitergeführt werden. Das ist ein Gefühl, dass niemand haben sollte. Deshalb sehe ich da ganz großes Potenzial und konstruktive Lösungen sind da auf jeden Fall möglich, das weiß ich aus eigener Erfahrung.

Mehr Infos über June und ihre Arbeit findet ihr u.a. auf ihrer Homepage, bei Facebook, twitter und Instagram.

Redaktion GEMEINSAM BERLIN (CZ)