Foto: Guido Korn

Silja Korn, 54, ist Mutter, verheiratet, Erzieherin, Künstlerin und Aktivistin in Berlin. Außerdem ist sie blind. Wir haben darüber gesprochen, warum sie den Begriff Inklusion manchmal missbraucht sieht und welche Motivation hinter ihrer ehrenamtlichen Arbeit steht.

 

Silja, kannst du erzählen, wer du bist, warum du in Berlin bist und was du hier machst?

Ich bin in Berlin geboren und mit vier Geschwistern in Neukölln aufgewachsen. Ich hatte bereits im Kindesalter durch zu hohen Sauerstoff im Brutkasten eine starke Sehschwäche, konnte aber noch ganz normal mit Brille durch die Welt gehen, bis ich mit elf Jahren einen Autounfall hatte. Das darauffolgende Augenbluten und der Augendruck wurden nicht erkannt, auch die Vorschädigung war den Ärzten im Krankenhaus nicht bekannt. Mein Augenlicht wurde deshalb immer schlechter, ein Jahr später konnte ich dann meine eigene Schrift nicht mehr erkennen. Ich war dann immer mehr auf den Blindenstock angewiesen.
Mit 12 Jahren bin ich schließlich auf die Blindenschule gewechselt und musste dort ganz von vorne beginnen. Ich konnte nicht akzeptieren, dass ich mich in einer neuen Welt zurechtfinden und von vorne beginnen sollte. Das Erlernen der Blindenschrift fiel mir sehr schwer. Das Ertasten, das neue Orientieren – in Räumen, im Alltag sowie in den Braillebüchern und -texten – das war alles so viel. Und das, was die meisten in fünf oder sechs Jahren gelernt hatten, musste ich in drei Monaten nachholen. Das habe ich kaum geschafft und in dieser Zeit sind viele Bildungslücken entstanden. Mit 17 habe ich dann nochmal ganz schlimmen Augendruck bekommen, davor konnte ich noch Farben und hell und dunkel erkennen, danach dann aber gar nichts mehr. Erst später habe ich erfahren, dass die Ärzte mich nicht richtig behandelt haben.
Erst als ich ein Jahr später die Idee hatte, Erzieherin zu werden, konnte ich meine Blindheit besser akzeptieren. Mir wurde dann klar, dass es besser ist, wenn ich auf die Leute zugehe, anstatt darauf zu warten, dass sie es tun. Durch meine Blindheit war ich so in mir gefangen und hatte keine Freude mehr am Leben. Ich fühlte mich wie ein Klotz am Bein für alle Menschen um mich herum. Mit dem Wunsch, Erzieherin zu werden, hat sich da wieder eine Tür in meinem Leben geöffnet. Ich habe dann auch andere Menschen kennengelernt, die blind waren, und gemerkt, dass die auch Spaß haben und viel lachen können. Daraufhin habe ich wieder etwas zu meinem Leben zurückgefunden.

Und in Berlin bist du seither geblieben.

Ich habe Berlin immer nur verlassen, um Urlaub zu machen. Ich wohne gerne hier, habe all meine Ausbildungen hier gemacht, arbeite und wirke hier. Ich liebe diese Stadt, auch wenn sie an manchen Punkten nicht immer so barrierefrei ist. Viele Ampeln haben zum Beispiel immer noch nicht den Signalton, durch den ich weiß, dass es grün wird. Oder sie geben kein Geräusch von sich, durch das ich überhaupt weiß, dass eine Ampel da ist. Leitlinien (https://de.wikipedia.org/wiki/Blindenleitsystem), die sehr wichtig für mich sind, um mich zurechtzufinden, gibt es vereinzelt an U- und S-Bahnhöfen, aber längst noch nicht überall. Die kann ich mit meinem Stock spüren. Oder Aufmerksamkeitsfelder, die mir zeigen, hier könnte ein Fahrstuhl oder eine Rolltreppe sein. Diese Orientierungshilfen sind sehr sinnvoll, weil man sich dadurch leichter orientieren kann und einen besseren Plan der Umgebung im Kopf hat. Da hat sich schon einiges getan, aber es geht trotzdem einfach zu langsam. Seit 2009 gilt in Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention (https://www.behindertenrechtskonvention.info/) (2020 wurde das deutsche Recht zudem um das Bundesteilhabegesetz (https://www.bmas.de/DE/Schwerpunkte/Inklusion/bundesteilhabegesetz.html) erweitert, Anm. D. Red.), aber das geht alles so langsam voran, und jetzt seit Corona dauert alles noch länger. Ich wohne zum Beispiel in der Bismarckstraße in Berlin, und ich glaube, der Bahnhof wird jetzt seit vier, fünf Jahren umgebaut. Und am Anfang war es richtig gefährlich, weil Bauarbeiten und Baustellen nicht klar abgesichert waren, da bin ich oft gegen Pfeiler gelaufen oder ähnliches und habe mir sehr weh getan. Es ist auch ein Problem für mich, dass Bahnen nicht angesagt werden. Wenn beispielsweise ein Kurzzug angefahren kommt, von dem ich nichts weiß – schon manches Mal bin ich beim Einsteigen gerade noch rechtzeitig von PassantInnen gewarnt worden, bevor ich aufs Gleis gelaufen wäre, oder habe die Bahn nicht bekommen, weil ich zu weit hinten stand. Oder wenn Ersatzhaltestellen eingerichtet werden, von denen ich nichts mitbekomme, weil sie nicht akustisch angesagt wurden. Das sind so Barrieren, die mich wirklich ärgern.

Ist dieser Ärger einer der Gründe, weshalb du in Berlin politisch und ehrenamtlich so aktiv bist?

Ich finde es ganz wichtig, mich an politischen und aktivistischen Dingen zu beteiligen. Weil ich möchte, dass wir Menschen mit Behinderung gesehen werden. Es gibt uns hier in Berlin. Wenn wir uns nicht in der Öffentlichkeit zeigen und beteiligen, dann werden wir schon auch übersehen. Das hat mich beispielsweise auch seit Corona sehr gestört: Es wurde viel darüber gesprochen, dass Mütter Probleme mit der Betreuung ihrer Kinder haben und von Zuhause arbeiten müssen. Das ist richtig. Aber es wurde fast nie gefragt: Wie machen das Menschen mit Behinderung jetzt, was verändert sich für sie? Wie gehen Menschen mit Behinderung, die kleine Kinder haben, mit dieser schwierigen Betreuungssituation um? Darüber gab es kaum Berichte in den Medien.

Als junge Frau war ich außerdem oft traurig und frustriert. Viele Leute in meinem Umfeld haben dann gesagt: Du musst selber aktiv werden. Mein Vater hat mich dann im Blindenverband angemeldet. Ich habe mich dort anfangs aber nicht wohlgefühlt, weil damals vor allem ältere Leute dort aktiv waren – es werden ja gerade auch im Alter Menschen blind oder sehbehindert. Für junge Menschen gab es deshalb nicht so viele Angebote, das hat sich mittlerweile etwas verändert.
Ich habe auch gemerkt, dass viele PädagogInnen nicht so gut mit uns blinden Menschen umgehen konnten, weil sie eben keine sonderpädagogische Ausbildung absolviert haben. Die haben mich dann oft ganz verwundert Dinge gefragt, wie: Wie schaffst du es, dir morgens den Pulli nicht verkehrtherum anzuziehen, eine Schleife zu binden, und so weiter? Da habe ich mir gedacht, dass ich doch Erzieherin werden und eine Art Katalysator werden könnte, um zwischen den sehenden PädagogInnen und dem blinden Kind oder dem blinden Erwachsenen zu vermitteln. Als ich das erstmals in Auge gefasst und dann auch ein Praktikum in einer Kita gemacht habe, wuchs in mir immer mehr das Bedürfnis, etwas zu verändern.
Mittlerweile mische ich eigentlich überall mit und bin in meinem Wirken auch immer selbstbewusster geworden. Zum Beispiel bin ich Mitglied bin ich im Blindenverband und beteilige mich in der Kultur- und Freizeitgruppe. In diesem Rahmen beraten wir zum Beispiel Museen, damit diese barrierefreier werden können. Ich wirke dann zum Beispiel beim Audioguide mit, damit es mehr Audiodeskriptionen für Museen gibt. Wenn Kunstbände für uns Blinde herausgegeben werden sollen, dann überprüfe ich vorher, ob die Blindenschrift stimmig und gut lesbar für uns ist. Werke, die für uns umgearbeitet werden, damit wir sie ertasten können, überprüfe ich ebenfalls: Funktioniert das so, wie andere sich das vorstellen? Es ist mir wichtig, gerade auch in Bereichen mitzuwirken, in denen die Menschen vielleicht denken: Das geht nicht, das können blinde Menschen nicht machen. Zu zeigen, dass wir doch ganz viel machen können, und dass es eigentlich auch ganz schön ist, manche solcher Erfahrungen gemeinsam mit Menschen zu machen, die auf andere Barrieren stoßen als man selber.

Ich habe auch vor fünf Jahren ein Kinderbuch (http://stachelbart-verlag.de/buecher/wie-mama-mit-der-nase-sieht.html) mit herausgebracht, da geht es um eine blinde Mutter und ihren sehenden Sohn. Weil mich viele Leute gefragt haben: Wie machst du das als blinde Mutter? Auch auf meiner Arbeit haben mich immer wieder Eltern gefragt, wie ich zum Beispiel mit den Kindern spiele. Es gab viele Bücher über behinderte Kinder – aber, dass diese Kinder auch mal erwachsen sind und zur Arbeit gehen und eine Familie gründen wollen und können, darüber gab es keine Geschichten.

Manchmal kommen auch Studierende auf mich zu, die etwas entwickelt haben, das barrierefrei sein soll – zum Beispiel ein neues Konzept für die Darstellung von Kunstwerken und Computerspielen, die sich an Blinde richtet – da mache ich dann auch gerne mit. Ich gehe auch an Schulen und zu Tagungen und erzähle dort vom Blind-Sein und biete Kunst- und Fotoworkshops an, auch außerhalb Berlins. Und all diese Dinge, das können ja nur wir blinde Menschen selbst machen – weil nur wir wissen, was wir brauchen und was wir wollen. Das kannst du im Einzelnen nicht wissen und das kann auch kein anderer wissen. Und wenn wir da nicht mitmachen, dann entscheiden wieder andere über uns. Die denken sich dann etwas aus, von dem sie glauben, dass es (für uns) gut sein könnte, und dann ist es aber gar nicht so. Ich erlebe das zum Beispiel auch ganz oft bei Websites: Viele sind ganz schrecklich geschrieben, sodass ich mich da gar nicht zurechtfinde und unnötig lange brauche, um etwas zu finden – bis es mich nervt und ich doch meinen Mann um Hilfe bitte. Ich benutze einen Screenreader, aber wenn die Seite nicht gut formatiert ist, kann dieser sie nicht mehr vorlesen und mein Rechner stürzt dann auch schon mal ab.

Das ist insbesondere ein Thema, das auch für uns von GEMEINSAM BERLIN spannend ist: Auch wir haben gemerkt, dass es Dinge gibt, die wir auf unserem Blog noch verändern müssen, damit er barrierefreier wird.

Ja, das mit den Blogs ist auch so eine Sache. Ich habe ja auch einen Blog (http://siljakorn.de/). Und ich kann nicht mit der Maus arbeiten, ich habe eine Braillezeile (https://de.wikipedia.org/wiki/Braillezeile) und eine handelsübliche Tastatur. Da ist es immer gut, wenn sich ein Link direkt öffnet, wenn man draufklickt. Die meisten Seiten sind aber nicht so: Viele Links sind in Unterlinks aufgeteilt, die dann aber als solche nicht erkennbar sind, weil sie nicht benannt worden sind. Ich weiß dann gar nicht, dass der Link da ist, weil er für mich unsichtbar ist. Das dauert sehr lange, bis man sich zur eigentlichen Seite durchgeklickt hat, die man besuchen will. Da gibt es vieles zu beachten, aber es gibt mittlerweile sehr viele Seiten im Internet, die einem zeigen, wie man das angehen kann. Und wenn man sich direkt eine Person sucht, die das von Anfang an mit betreut, dann muss man es am Ende nicht alles doppelt und dreifach machen. Das passiert mir nämlich oft, wenn ich gebeten werde, eine Website auf Barrierefreiheit zu überprüfen: Dann ist es oft schon zu spät, und ich kann gar nichts damit anfangen. Wichtig ist es auch, mit Menschen zusammen zu arbeiten, die auch wirklich etwas verändern wollen und offen für Neues sind. Es hat sich schon vieles durch Inklusion zum Guten verändert, aber manchmal wird dieses Wort auch missbraucht.

Was meinst du damit?

Viele schreiben sich auf die Fahne: Wir machen hier Inklusion. Dann gehst du dort hin und merkst schnell, dass sie das nicht ganz bis zum Ende durchdacht haben und du dann doch nicht ohne Assistenz an ihren Veranstaltungen teilnehmen kannst. Ich lasse mich davon trotzdem nicht entmutigen und sehe das manchmal auch als Chance, um meine Grenzen kennenzulernen. Wie oft bekomme ich zu hören: Nein, das geht nicht! Als ich Erzieherin werden, malen, fotografieren und ein Kind bekommen wollte, immer hieß es: Das geht doch nicht! Auch blinde Menschen haben da manchmal über mich geschmunzelt. Aber ich wollte es selbst ausprobieren. Und wenn ich dann mal gemerkt habe, dass es doch nicht so geht, wie ich es mir vorstelle – dann habe ich eben überlegt, wie ich es anders machen kann. Aber diese Erfahrung möchte ich selber machen. Das ist Selbstbestimmung für mich. Und von diesem Weg lasse ich mich jetzt auch nicht mehr abbringen. Wenn es mir dann doch einmal zu anstrengend ist, dann mache ich eben nicht mit. Aber das kommt selten vor (lacht).

Das heißt aber auch: Den größten Teil deiner Arbeit machst du ehrenamtlich, oder?

Die Arbeit im Freizeitbereich mache ich ehrenamtlich, ja. Manchmal gibt es eine geringe Aufwandsentschädigung, das finde ich auch mehr als richtig, denn ich habe auch schon die Erfahrung gemacht, dass blinde Menschen ausgenutzt werden. Dass man sich denkt: Die haben ja eh nichts zu tun, und wir haben stundenlang gearbeitet, beraten, getestet. Es ist schließlich auch meine Freizeit, die ich dafür opfere. Ich bereite mich ja auch auf ehrenamtliche Arbeit vor, stelle ein Konzept zusammen, und so weiter. Deswegen finde ich es richtig, eine Aufwandsentschädigung anzubieten, auch wenn es nicht viel ist. Trotzdem denke ich mir oft auch: Wenn ich es nicht mache, dann passiert es ja gar nicht. Dann brauche ich mich auch nicht wundern, wenn die Leute mich nicht verstehen. Woher willst du wissen, wie es ist, blind zu sein? Und ich sage auch immer: Ich muss die ganze Welt nicht auf einmal verändern. Mir reicht es schon aus, wenn ich eine Person erreicht habe. Die erreicht dann vielleicht wieder eine andere, und am Ende kommt dann vielleicht die Veränderung.

Wo siehst du derzeit die größten Barrieren für blinde Menschen, wenn es um Beteiligungsformate in Berlin geht?

Das Problem ist zum Beispiel, dass viele Sachen gar nicht für blinde Menschen lesbar sind – weder in Blindenschrift, noch am Computer. Abfotografierte Texte zum Beispiel erkennt der Screenreader (https://de.wikipedia.org/wiki/Screenreader), den ich zum Vorlesen nutze, nur als Grafik. Wenn es um konkrete Orte geht: Viele Häuser in Berlin sind sehr verwinkelt – gibt es dann eine Person vor Ort, die mich unterstützt, wenn ich Raum und Platz nicht finde? Wenn ich auf die Toilette gehen muss? Wenn es ein Buffet gibt? Da muss auch nicht die ganze Zeit jemand neben mir sitzen, aber eine Person sollte eben immer als AnsprechpartnerIn in der Nähe sein. Wenn in einer Präsentation Fotos gezeigt werden, dann sollte immer auch kurz beschrieben werden, was auf dem Bild zu sehen ist. Das sind Kleinigkeiten, die unbedingt mitgedacht werden müssen. Und all diese Dinge sind mir auch schon auf Veranstaltungen passiert, die von sich selbst behauptet haben, inklusiv zu sein. Oft kommt dann die Ausrede, man habe nicht gewusst, dass ich vorbeikomme. Aber das kann doch nicht die Lösung sein! Wirklich inklusiv zu sein, das heißt doch, immer damit zu rechnen, dass ein Mensch wie ich vorbeikommen kann. Nur, wenn ich mich nicht jedes Mal vorher anmelden muss, kann ich auch mal spontan sein.

Redaktion GEMEINSAM BERLIN (CZ)