In Berlin und Dresden bietet der querstadtein e.V. Stadtführungen der besonderen Art an: Die Stadtführer*innen richten ihre Touren an den eigenen Lebensgeschichten aus und ermöglichen es den Teilnehmenden auf diese Weise, die Stadt einmal durch ihre Augen zu sehen. Seinen Schwerpunkt legt der Verein auf die Themen „Leben auf der Straße“ sowie „Flucht und Migration“.

An diesem grauen Sonntagmittag regnet es fast ununterbrochen, als sich eine Hand voll Leute am Berliner Hauptbahnhof versammeln, um Uwe Tobias zu treffen. „Passt bitte auf eure Regenschirme auf!“, ruft dieser deshalb zu Beginn, „mit einem Schirm im Gesicht kann ich heute nämlich gar nix erzählen.“. Dieter Bichler steht neben ihm und nickt zustimmend. Die beiden Freunde führen seit über  fünf Jahren Gruppen durch Berlin. Das Besondere daran: Beide lebten jahrelang obdachlos auf den Straßen der Hauptstadt. Auf ihren Touren zeigen sie Stadtteile, in denen sie in dieser Zeit gelebt haben und erzählen von ihrem Alltag ohne festen Wohnsitz. Manchmal, so wie heute, begleiten und unterstützen sie sich auch gegenseitig auf ihren Führungen.

Stadtführer Uwe Tobias (links) und Dieter Bichler. (Foto: querstadtein/Anna Rozkosny)

In Berlin etabliert wurden diese Stadtführungen ursprünglich von Katharina Kühn und Sally Ollech: 2012 stellten die beiden Berlinerinnen fest, dass das Thema Obdachlosigkeit in der Hauptstadt zwar omnipräsent ist –  die Mehrheitsgesellschaft in der Regel aber trotzdem nur über und viel zu selten mit obdachlosen Menschen ins Gespräch kommt. Schnell waren sie sich einig: Was fehlt, sind Austausch- und Begegnungsformate. Indem ehemals obdachlose Menschen durch die Berliner Kieze führen, deren Straßen sie ehemals bewohnt haben, soll ihnen eine Plattform geboten werden.  Auf diese Weise können sie  selbst über ihre Situation aufklären, Vorurteile abbauen und einen Dialog eröffnen – so die Idee. Ähnliche Formate existierten zu diesem Zeitpunkt bereits vereinzelt auf der ganzen Welt, nicht aber in Berlin. Kühn und Ollech reichten ihr Konzept beim gemeinnützigen Verein „startsocial“ ein und gewannen ein Stipendium, das ihnen die Umsetzung ihres Plans erleichterte: Gemeinsam mit 13 Team-Mitglieder riefen sie daraufhin im März 2013 den querstadtein e.V. (damals noch Stadtsichten e.V.) ins Leben und fanden mit Carsten Voss und Uwe Tobias auch bald ihre ersten Tourguides. Nach und nach kamen weitere Stadtführer*innen dazu, und nach einem Jahr hatten bereits über 3000 Menschen an den Führungen teilgenommen.

Eine solche Stadtführung dauert in der Regel etwa zwei Stunden. „Die Stadtführungen sind autobiographisch angelegt, das heißt die eigenen Bezüge zur Stadt stellen die wesentliche Konzeptidee von querstadtein dar“, erzählt Dominika Szyszko. Seit April 2017 ist sie Projektkoordinatorin bei „querstadtein“, vorher war die studierte Kunsthisorikerin bereits ehrenamtlich für den Verein tätig. Um potenzielle Stadtführer*innen zu finden, kooperiere der Verein mit verschiedenen Trägern der Obdachlosenhilfe und Sozialarbeit. „Am Anfang steht immer die Frage: Was möchte die Person auf ihrer Tour vermitteln? Wir als Team unterstützen dann in der Vorbereitung.“ Auch die erste Stadtführung finde immer mit Freund*innen und dem Team als Probepublikum statt. Anschließend können die Stadtführungen von Gruppen gebucht werden, die dann individuell einen Termin mit dem oder der Stadtführer*in vereinbaren können. Einzelpersonen können Termine online buchen, oft fänden zum Beispiel Sonntags Führungen statt.

So auch die Stadtführung von Uwe Tobias, der zuerst an einer Sitzbank nahe der Charite Halt macht: Hier erklärt Tobias seinem Publikum, wie man sich richtig hinlegen muss, um auf einer Holzbank zu schlafen: „Man muss aufpassen, dass man sich die Hüfte nicht quetscht.“ Unzählige verschiedene  Aspekte müsse man beim Leben auf der Straße mitdenken, deshalb trägt seine Tour  auch den Namen „Draußen schlafen ist eine Kunst“. Weiter geht es auf das Gelände der Charite: Hier konnte Tobias ein Jahr lang mit Freunden in einem leerstehenden Gebäude schlafen, bevor sie entdeckt und weggeschickt wurden. „Seinen Schlafplatz verrät man nicht, das ist ein Ehrenkodex“, so Tobias. In der DDR war er politischer Gefangener und hat aus dieser Zeit bis heute mit psychischen Problem wie Platzangst zu kämpfen.

Eine Parkbank, auf der Uwe Tobias lange Zeit genächtigt hat. (Foto: Stiftung Zukunft Berlin)

Als rein ehrenamtlich gestartetes Projekt wächst „querstadtein“ schnell und wird mit den Jahren immer weiter professionalisiert. 2015 wird gemeinsam mit Uwe Tobias eine Stadtführung speziell für Kinder entwickelt und ins Programm genommen. Ein Jahr später hat sich die gesellschaftliche Situation weiter verändert: Das Thema Flucht ist jetzt in aller Munde. „Das Problem, das in diesem Kontext aufkam, war wieder ein ähnliches“,  so Dominika Szyszko: „Es wurde viel über Flucht gesprochen, aber es gab wenig Möglichkeiten, direkt mit den Betroffenen ins Gespräch zu kommen. Deshalb hat querdstadtein sein Format auf Menschen mit Fluch- und Migrationserfahrung erweitert.“

 

 

 

 

 

 

 

 

Vor fast drei Jahren ist deshalb auch Nafee Kurdi zu „querstadtein“ gekommen. 2015 ist er aus Damaskus über den Libanon, die Türkei und Österreich nach Deutschland geflohen, heute studiert und lebt er in Berlin.Von der beschwerlichen Reise, seinen zum Teil traumatischen Erlebnissen in Syrien, dem Alltag während des Krieges und seinen bisherigen Erfahrungen in Deutschland erzählt seine Stadtführung. Sie beginnt am Checkpoint Charlie, den Kurdi mit den zahlreichen Checkpoints in und um Damaskus vergleicht: Drei bis fünf davon habe es in jedem Stadtbezirk gegeben. Es sei sehr wichtig gewesen, jeden Checkpoint richtig zuordnen zu können: Ob er beispielsweise zur Regierung oder dem ISIS gehöre, so Kurdi. „Um ohne Probleme durchgelassen zu werden, musste man sich an jedem Checkpoint ein bisschen anders verhalten.“  Seine Tour zieht sich entlang zentraler historischer Orte in Berlin-Mitte: Einige von ihnen, wie das Holocaust-Denkmal, erinnern ihn auf schmerzhafte Art und Weise an sein altes Zuhause. Andere, wie das Brandenburger Tor, stehen symbolisch für seine Zukunft in Deutschland und stimmen ihn hoffnungsvoll.

Stadtführer Nafee Kurdi. (Foto: Dora Csala)

Seit April 2018 werden über  „querstadtein“ auch Stadtführungen in Dresden zum Thema Flucht und Asyl angeboten. „Wir wollten damit auch ein Zeichen setzen: Dresden wird oft mit rechten Stimmungen in Verbindung gebracht. Doch es ist eben auch eine Statd der Vielfalt und für viele geflüchtete Menschen ein Zuhause.“, so Szyszko. Der Verein hat mittlerweile  über 600 Stadtführungen realisiert, ein neues Leitungsteam bekommen und zahlreiche Förderungen und Auszeichnungen erhalten.  In beiden Städten arbeiten heute insgesamt drei Stadtführer*innen zum Thema „Leben auf der Straße“, zwölf weitere Personen bieten Touren zum Thema „Flucht und Migration“ an. Vor allem für erstgenannte Touren sei der Verein deshalb weiterhin auf der Suche nach Menschen, die sich vorstellen können, selbst Stadtführungen anzubieten, sagt Projektkoordinatorin Szyszko. Für das kommende Jahr sei geplant,  die Stadttouren zum Thema Migrationsgeschichten in Dresden auszuweiten und den Fokus auch auf Spätaussiedler*innen und Vertragsarbeiter*innen zu legen.  „Außerdem denken wir darüber nach, digitale Audiowalks einzuführen, bei denen man zum Beispiel von einer App mit audiovisuellem Material durch die Stadt geführt wird. In einem Audiowalk könnten Betroffene eine Stimme bekommen, die Touren aus verschiedenen Gründen nicht regelmäßig durchführen könnten“, so Szyszko.

Weitere Infos über „querstadtein“, und künftige Termine für die in Berlin und Dresden angebotenen Stadtführungen findet ihr auf der Homepage des Vereins. Tickets für die Touren könnt ihr auch online buchen!

Redaktion GEMEINSAM BERLIN (CZ)

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