Bei der „Lebendigen Bibliothek“ stellen sich Menschen, die von Vorurteilen betroffen sind, für persönliche Gespräche zur Verfügung. Häufig sprechen sie dann über die soziale Ausgrenzung und Diskriminierung, die sie erleben müssen. Wer diese „lebendigen Bücher“ „ausleiht“, darf sie alles fragen, sofern der Umgang respektvoll ist – genauso dürfen auch die Personen, die sich als „lebendige Bücher“ vorstellen, ihre Fragen an Besucher_innen richten.

Die Idee stammt ursprünglich aus Dänemark, wo eine Jugendorganisation die erste „Lebendige Bibliothek“ vor zwanzig Jahren im Rahmen des Roskilde-Festivals stattfinden ließ. Die Veranstaltung war ein großer Erfolg und wurde 2006 vom Europarat gefördert. Mittlerweile hat sie weltweit Verbreitung gefunden. In Deutschland organisierte Louise Kreuschner gemeinsam mit einer Kollegin  im Juni 2017 die erste „Lebendige Bibliothek“ in Berlin – mit insgesamt zwölf beteiligten „lebendigen Büchern“, 27 Besucher_innen und 41 stattgefundenen Gesprächen.

Seit der ersten Veranstaltung ist Louise Kreuschner die alleinige Organisatorin der „Lebendigen Bibliothek“ und das überwiegend ehrenamtlich. Ein Jahr später wurde der „Lebendige Bibliothek e.V.“ von  ehrenamtlichen „lebendigen Büchern“ und weiteren Unterstützer_innen des Projektes gegründet. Neben der klassischen „Lebendigen Bibliothek“ bietet der Verein mittlerweile auch einige abgewandelte Projekte an, zum Beispiel das „lebendige Buch“, bei dem eine oder zwei von Vorurteilen betroffene Menschen Schulen oder andere Bildungseinrichtungen besuchen, um von ihren Erfahrungen zu erzählen. Bisher handelt es sich dabei um Menschen mit Fluchterfahrung. 2019 wurde das Projekt u.a. durch die Landeszentrale für politische Bildung gefördert.

Andrea Schmitt (57) wirkt seit November 2018 ehrenamtlich als „lebendiges Buch“ am Projekt mit. Sie und Organisatorin Louise Kreuschner (37 ) haben uns erzählt, warum sie so sehr für das Projekt brennen und wie man sich so ein Gespräch im Rahmen der „Lebendigen Bibliothek“ vorstellen kann.

Frau Kreuschner, wo und wie finden Sie ihre „lebendigen Bücher“?

Louise Kreuschner: Auf unsere ersten „lebendigen Bücher“ sind wir damals unter Kolleg_innen gestoßen, außerdem haben wir uns mit unseren Ideen an Verbände und Organisationen gewandt, die uns dann weitervermittelt haben. Anfangs haben wir uns selbst überlegt, welche Themen interessant sein könnten und dann Personen und Vereine angefragt. Mittlerweile kommen einige Leute auch von sich aus auf uns zu – dabei kommen oft Ideen auf, auf die wir selbst gar nicht gekommen wären. Zum Beispiel hat sich einmal eine Frau bei uns gemeldet, die an einer schweren, an der Haut stark sichtbaren Krankheit leidet und gerne darüber ins Gespräch kommen wollte. Wichtig ist auch immer, vorab nachzufragen, ob die potenziellen „lebendigen Büchern“ ein Problem auch wirklich als solches wahrnehmen. Als wir gerade mit dem Projekt anfingen, hatten meine Kollegin und ich uns zum Beispiel überlegt, dass wir gern Eltern von Kindern mit Behinderung einladen würden, um über Vorurteile zu sprechen. Die Eltern, die wir dann angesprochen haben, haben uns aber einstimmig erzählt, dass sie sich gar nicht ausgegrenzt fühlen und deshalb in dieser Hinsicht kein Redebedarf besteht.

Frau Schmitt, wie wurden Sie zum „lebendigen Buch“?

Andrea Schmitt: Ich organisiere seit 20 Jahren die TransSisters Berlin – eine Interessengruppe für transidente Menschen, also Menschen, die das bei ihrer Geburt zugewiesene Geschlecht als nicht bindend empfinden –  und Louise hatte angefragt, ob jemand aus unserer Gruppe Interesse hätte, zum Thema Trans bei der „Lebendigen Bibliothek“ mitzumachen. Ich fand die Idee der „Lebendigen Bibliothek“ konsequent genial, deshalb habe ich mich sehr gerne dazu bereit erklärt.

Konsequent genial – was meinen Sie damit?

Andrea Schmitt: Ich finde den dahinterstehenden Gedanken – durch persönliche Gespräche vom Vorurteil zum Urteil – genial. Wie sonst, wenn nicht durch den persönlichen Dialog, kann man Vorurteilen konstruktiv entgegenwirken? Grundsätzlich ist der Begriff Vorurteil“ für mich zunächst einmal etwas wertneutrales. Ich denke, dass wir alle Vorurteile haben und diese auch brauchen: In Berlin triffst du permanent auf Menschen, die du nicht gleich einordnen kannst. Meist hat man einfach nicht die Zeit, um sich ausführlich mit der Situation auseinanderzusetzen. Also bildet man sich ein Vor-Urteil, sortiert dies bei sich ein und zieht seiner Wege, ohne es weiter zu hinterfragen. Ich denke, das ist bei jedem so; andernfalls würde man niemals dort ankommen, wo man gerade hinmöchte. Allerdings – das zeigen alltägliche Erfahrungen – können Vorurteile auch negative Wirkungen haben: Etwa, wenn sie zu falschen Schlussfolgerungen führen, die sich weiterentwickeln und leider auch in Ablehnung, Ausgrenzung und – schlimmstenfalls – in Gewalt münden können.

Die Idee der „Lebendigen Bibliothek“ bietet den Rahmen für Gespräche, in denen sich fremde Menschen mit ihren Vorurteilen aufeinander einlassen – also nicht übereinander, sondern miteinander sprechen. Sich ein solches, thematisch vorurteilbehaftetes, „lebendiges Buch“ bewusst „auszuleihen“, den Dialog aktiv zu suchen, und in der Folge sein Vorurteil vielleicht revidieren zu müssen – dazu gehört Mut. Und zwar von beiden Seiten: Bei einer „Lebendigen Bibliothek“ in Neukölln bin ich einmal einer konservativen, muslimischen Frau begegnet, die das Gespräch über Transsexualität mit mir suchte. Im Gesprächsverlauf zeigte sich, dass ihr das nicht leichtfiel. Aber sie war da und blieb – und ihre Kinder im Alter von zehn und zwölf Jahren hatte sie auch dabei. Diese Frau suchte also bewusst das Gespräch über ein Thema, das ihr Vorurteil gegenüber Transsexuellen ins Wanken bringen kann. Das war für sie bestimmt schwieriger als für mich.

In solchen Momenten stelle ich auch immer wieder fest, dass meine Gesprächspartner_innen die gleichen Fragen stellen, die sich auch mir zu Beginn meines Weges gestellt haben. Gespräche verbinden und sensibilisieren. Und das Miteinander-Reden ist ja auch eine Chance für mich: Auch ich bin auf meine Art voreingenommen. Die Dialoge, die entstehen, sind also keine Einbahnstraße, sondern wirken in beide Richtungen – in meine, und die meiner Gesprächspartner_innen.

Andrea Schmitt. (Foto: privat)

Welche Voraussetzungen sollten Menschen mitbringen, die sich als „Lebendige Bibliothek“ zur Verfügung stellen wollen?

Louise Kreuschner: Um unser Ziel zu erreichen, suchen wir konkret nach Personen, mit denen man gut sprechen kann, die zum Beispiel nicht aggressiv reagieren. Die „lebendigen Bücher“ müssen auch mit ihrem Thema selbst im Reinen sein. Sie dürfen nicht labil sein, weil es sonst für beide Seiten im Gespräch unfair ist.
Wir fragen zum Beispiel auch ganz direkt nach, ob die Person sich ein solches Gespräch zutraut. Bei Menschen mit psychischen Krankheiten kann das ja beispielsweise auch tagesabhängig sein. Das ist manchmal ein schmaler Grat. Und wir müssen stets mitbedenken, dass wir Problematiken auch rekonstruieren, wenn wir unsere „lebendigen Bücher“ in einem solchen Kontext zum Thema vorstellen. Dadurch sagen wir ja noch einmal: Das hier ist problematisch!

Frau Schmitt, wie war das erste Mal als „Lebendige Bibliothek“ für Sie?

Andrea Schmitt: Vorab wollte ich mich erst einmal mit einer Person aus dem Organisationsteam treffen, denn ich hatte viele Fragen. Was Louise mir dann erzählt hat, hat mich dann in der Sache bestärkt. Bei meiner ersten Bibliothek habe ich mich dann in einem sehr geschützten Raum bewegt. Viele sagen mir im Gespräch dann solche Sachen wie „ich muss das ja tolerieren“. Ich sage dann: Nein, muss man nicht, das ist nur ein Angebot. Theoretisch kannst du auch rausgehen und sagen, dass sich dein Bild bestätigt hat. Das war aber bisher nie der Fall. Und für mich ist das ja auch eine Gelegenheit, um mich selbst zu artikulieren und Gehör zu finden. Ich wusste vorher gar nicht, dass das so ein Bedürfnis von mir ist, aber nach der ersten Bibliothek war ich wie auf Drogen: Ich wollte diese Gelegenheit öfter nutzen.

Worum soll es in erster Linie bei einem solchen Gespräch gehen?

Louise Kreuschner: Die „lebendigen Bücher“ sollen ein Podium erhalten, um über ihre Lebenssituation aufzuklären. Es ist uns auch wichtig, eine gewisse Breite der Themen darzustellen, um zu zeigen, welche unterschiedlichen Formen Diskriminierung annehmen kann. Es geht darum, Vielfalt abzubilden und Vorurteile abzubauen; aber auch darum, Empathie aufzubauen und durch das Gespräch mit Betroffenen eine andere Perspektive einzunehmen.

Andrea Schmitt:
Für mich geht es nicht darum, meine Gesprächspartner_innen zu überzeugen oder für Toleranz zu werben. Etwas zu tolerieren bedeutet, es zu erdulden. Und ich denke, dass niemand nur geduldet sein möchte. Und nachhaltig überzeugen, dass kann nur jede_r selbst. Ich werbe deshalb für Anerkennung und Akzeptanz dafür, dass es nicht nur den einen Weg gibt, sein Leben zu gestalten. Wir sind alle sehr individuelle Persönlichkeiten und wir haben in Deutschland die verbriefte Freiheit der Entfaltung der Persönlichkeit. Das heißt für mich: Die Welt ist nicht schwarz oder weiß, sie ist bunt. Für mich geht es bei den Gesprächen deshalb in erster Linie darum, eine Beziehung zu meinen Gesprächsparner_innen aufzubauen und zu zeigen, dass uns dem Grunde nach gar nicht so viel voneinander unterscheidet oder trennt. Und dass es zwar individuell unterschiedliche, in jedem Fall aber gleichberechtigte Modelle gibt, sein Leben zu gestalten.


Wie läuft so ein Gespräch, so eine „Buchausleihe“, normalerweise ab?

Andrea Schmitt: Das funktioniert ein bisschen so, wie Speed-Dating: Man nähert sich einander in kurzer Zeit auf sehr intime Weise an. Mit jedem Dialog baue ich eine  Beziehung auf. Für ein Gespräch sind normalerweise nur zwanzig Minuten eingeplant, aber diese sind dann oft umso intensiver und das schafft Verbindungen. Außerdem kann der vorgesehene Gesprächsrahmen bei Bedarf im Anschluss verlängert werden. Die Zeit geht immer schnell vorbei. Wenn man im Gespräch an Grenzen stößt, zieht man sich auch mal raus und macht eine Pause. Und Louise hat das gut verpackt, man fühlt sich nicht im Stich gelassen.

Wie stellt die „Lebendige Bibliothek“ sicher, dass ein Gespräch in sicherer und offener Atmosphäre stattfinden kann?

Louise Kreuschner: Kommunikationsregeln sind immer eine gute Sache, für viele ist das erstmal neu und überfordernd. Das ist kein Kino, ohne mitmachen klappt es nicht und es ist auch erklärungsbedürftig. Klare Regeln sind da hilfreich für beide Seiten, um gut reinzustarten. Auch klare Grenzen stecken den Rahmen ab. So werden zum Beispiel alle „lebendigen Bücher“ vor Beginn der Gespräche mit einer roten und einer gelben Karte ausgestattet. Die Karten können sie zu jeder Zeit im Gespräch zeigen, wenn sie sich wünschen, dass wir als „lebendige Bibliothekar_innen“ dazukommen: Mit der gelben Karte kann die Person zeigen, dass sie sich im Gespräch nicht mehr richtig wohlfühlt. Es kann dann gemeinsam mit uns noch versucht werden, das Gespräch zu retten. Beim Zeigen der roten Karte wird das Gespräch sofort von uns abgebrochen. Die Person, die als „lebendiges Buch“ die Karte vorgezeigt hat, soll sich dann auch nicht mehr selbst um die Gesprächsunterbrechung kümmern müssen. Beim Thema wohlfühlen spielt vielleicht auch die Tatsache eine Rolle, dass immer jemand aus unserem Team anwesend ist und die Einhaltung unserer Regeln überwacht, um klarzumachen, dass wir füreinander da sind.  Unsere Hauptregel ist dabei: Alle Fragen sind erlaubt, solange sie respektvoll gestellt werden.

Damit die Regeln klar sind, nehmen die „lebendigen Bücher“ zunächst  alle an einer Vorbereitung teil. Außerdem gibt es für die Besucher_innen Bibliotheksausweise mit ihren Namen. Um zu zeigen, dass sie unsere Regeln anerkennen, müssen sie diese Ausweise  unterschreiben. Und es gibt „lebendige Bibliothekskataloge“  mit Informationen über alle „lebendigen Bücher“, die ausgeliehen werden können.“

Wir legen auch viel Wert darauf, die Anonymität der „lebendigen Bücher“ zu wahren. Anstatt ihrer Namen verwenden wir für die „lebendigen Bücher“ deshalb immer „Buchtitel“ – je nach Thema wäre das dann zum Beispiel ein Titel wie „Rollstuhlfahrerin“. Wir halten das für notwendig, aber man kann das natürlich zurecht auch problematisch finden, weil es die Menschen auf eine Eigenschaft reduziert. Die Titel werden generell nur in Absprache mit den „lebendigen Büchern“ selbst verliehen, die sich damit wohlfühlen und identifizieren können sollen.

Louise Kreuschner. (Foto: Klaus Thoden)

Was glauben Sie, was Sie mit der „Lebendigen Bibliothek“ bei den Menschen erreichen können?

Louise Kreuschner: Oft fühlen sich die „lebendigen Bücher“ durch die Gespräche bestärkt. Manchmal fangen sie nach den Gesprächen sogar zum ersten Mal damit an, auf ihre Rechte zu pochen.

Andrea Schmitt: Zu wissen, dass man sich auf Augenhöhe unterhalten kann,  das passiert doch sonst nur selten. Ein persönliches Verhältnis zum Gegenüber herstellen und es im Anschluss aber auch direkt wieder lösen zu können, ohne Scheu sagen zu können, was man denkt und fühlt, das ist heutzutage leider etwas Seltenes. Man wird dabei niemals alle Menschen erreichen und überzeugen kann ich auch niemanden; das muss am Ende jede_r mit sich selbst ausmachen. Aber wenn ich Einzelne erreichen kann, die nach einem solchen Gespräch in ihrem eigenen Umfeld in positivem Sinn wie ein Dominostein wirken, den man angerstoßen hat, ist das schon sehr viel wert.

Titelfoto: Klaus Thoden

Redaktion GEMEINSAM BERLIN (CZ)

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