Die Bildungsinitiative „Rock Your Life“ vermittelt Mentoringpartnerschaften zwischen Studierenden und Schüler*innen aus meist sozial benachteiligten Familien. Dabei sollen die Mentor*innen ihre „Mentees“ mindestens ein Jahr lang begleiten und vor allem bei der Zukunftsplanung unterstützen. Darüber hinaus bietet „Rock Your Life“ spezielle Trainings und Ausflüge für die Mentoring-Paare an.

Josie (23) und Sofia (16) haben sich in den letzten zwei Jahren eine solche Mentoring-Beziehung aufgebaut. Mittlerweile studiert Josie Psychologie in Jena, Sofia besucht die elfte Klasse an der Heinrich-von-Stephan-Schule in Berlin. Im Interview erzählen sie von ihren gemeinsamen Erfahrungen. 

Gemeinsam Berlin: Vielleich könnt ihr erstmal ein bisschen über das Mentoringprogramm „Rock Your Life“ erzählen. Woher kanntet ihr das und was zeichnet dieses Programm aus?

Josie: Ich bin durch Zufall darauf gestoßen, als ich mir vor zwei Jahren einen Podcast angehört habe, indem die Gründerin von „Rock Your Life“, Elisabeth Hahnke, interviewt worden ist.  Die hat den Verein vor zehn Jahren  als Studentin mit ein paar Kommilitonen in Bayern gegründet, und dann ist das irgendwie immer größer geworden. Mittlerweile ist „Rock Your Life“ In Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden aktiv, vor allem in Universitätsstädten, weil es ja eigentlich so gedacht ist, dass ein Student oder eine Studentin immer mit einem Schüler oder einer Schülerin zusammenarbeitet. Ich hab mir also angehört, was die so machen, und fand das so cool, dass ich gleich mal nachgeguckt habe: In Potsdam, wo ich damals studiert habe, gab es keinen Verein, aber dafür in Berlin, wo ich gewohnt habe. Ich hab denen einfach geschrieben und gefragt, ob die noch Leute brauchen.

Gemeinsam Berlin: Wie ging es dann weiter?

Josie: Sie haben mich dann zu einem „Kennenlern-Treffen“ eingeladen. Da war ich dann mit ungefähr sechs anderen Leuten, die auch Interesse hatten, und es wurde so ein bisschen erzählt, wie das Ganze so abläuft. Die Leute von „Rock Your Life“ wollten natürlich auch ein bisschen schauen, wer wir neue Mentoren so sind. Wir mussten zum Beispiel auch ein Führungszeugnis einreichen.  Das war im Oktober 2017. Für Anfang November war dann eines der „Trainings“ angesetzt, die „Rock Your Life“ regelmäßig für Mentoren und Mentees durchführt. Manche der Trainings richten sich gleichermaßen an Mentoren und Mentees, aber dieses Training war nur für uns Mentoren gedacht: Es ging dabei um unsere Rolle als Mentor. Das Programm ist ja nicht darauf ausgelegt, dass wir einfach Nachhilfe geben, oder so. Mentees, also die Schüler, sind häufig sozial benachteiligt. Die Idee ist, dass sie vielleicht eine andere Perspektive mitbekommen, wenn ihnen ein Student an die Seite gestellt wird, weil sie das vielleicht gar nicht kennen. Sofia ist das nicht so fremd, weil zum Beispiel ihre Schwester studiert; wir haben bei den Trainings aber auch andere Mentees kennengelernt, die vorher eigentlich gar keinen Zugang zum Thema „Studium“ hatten. Das ist jedenfalls erstmal das Konzept: Dass wir Begleiter sind, während der neunten und zehnten Klasse und im Idealfall bis zum Schulabschluss.

Gemeinsam Berlin: Wann hast du das erste Mal von „Rock Your Life“ gehört, Sofia?

Sofia: Bei uns sind ein Paar Leute von „Rock Your Life“ in die Schule gekommen und haben Anmeldezettel in den Klassen verteilt. Die haben uns erzählt, dass wir einen Mentor kriegen können, der uns unterstützen kann bei den Zielen, die wir haben und dass wir zu ihm gehen können, wenn wir Fragen haben oder Hilfe brauchen. Das hat sich gut angehört, deshalb wollte ich es gerne ausprobieren.

Gemeinsam Berlin: Und wie kam es dann dazu, dass ihr beide ein „Mentoring-Paar“ geworden seid?

Sofia: Wir haben dann im November beide an einem „Matching“ teilgenommen. Dort gab es dann so eine Art „Speed-Dating“, bei dem sich immer zwei Leute gegenübersitzen. Uns wurden dort verschieden Fragen gestellt und wir hatten dann jeweils ein, zwei Minuten Zeit, um uns über die Frage zu unterhalten. Zwischendurch gab es Wechsel, sodass jeder Mentee einmal mit jedem Mentor sprechen konnte. Anschließend durften die Schüler aufschreiben, welchen Mentor sie sich wünschen.

Josie: Uns wurden dann so Fragen gestellt, wie zum Beispiel: Was würdest du tun, wenn Geld keine Rolle spielen würde? Am Ende wurden dann die Ergebnisse verkündet.

Gemeinsam Berlin: Ihr habt also zueinander gefunden und wusstet erstmal, dass es zwischen euch funktioniert. Wie ging es dann weiter?

Sofia: Am Tag des „Matchings“ haben wir dann noch einen Kinogutschein geschenkt bekommen. Ich glaube, das war dann auch unser erstes Treffen –

Josie: Davor waren wir noch einmal bei mir und haben gebacken. Das war das allererste Treffen. Weil Sofia schon bei unserem „Matching“ erzählt hatte, dass sie nach der Schule etwas Kreatives machen möchte und am liebsten Konditorin werden würde, haben wir dann in der Weihnachtszeit gebacken und Cupcakes gemacht. Und kurz danach war dann unser erstes Training zusammen: „Rock Your Life“ bilden ihre Trainer*innen für das Mentoring-Programm selbst aus. Diese führen dann die Trainings durch, die meistens am Wochenende zu verschiedenen Themen stattfinden. Beim ersten Training ging es für uns zum Beispiel darum, sich besser kennenzulernen und ein paar Regeln aufzustellen: Was ist uns wichtig in unserer Mentoringbeziehung, damit es funktioniert? In der Zeit danach haben wir alles Mögliche zusammen gemacht: Wir waren im Tierpark, in den Gärten der Welt, in Potsdam. Manchmal haben wir auch einfach zusammen Kuchen gegessen.

Sofia (links) und Josie bei ihrem ersten gemeinsamen Treffen im Dezember 2017 (Foto: Privat).

Gemeinsam Berlin: Ihr habt erwähnt, dass es darum gehen sollte, gemeinsam an den Zielen des Mentees zu arbeiten. Was sind oder waren denn deine Ziele, Sofia?

Sofia: Also den Wunsch, Konditorin zu werden, hatte ich noch ziemlich lange. Ich hab dann auch im Februar 2018 ein Praktikum in einer Konditorei gemacht.

Josie: Schon beim „Matching“ hatte Sofia mir von ihrem Berufswunsch erzählt. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt zufälligerweise eine Freundin, die sich gerade in der Ausbildung zur Konditorin befand. Die haben wir dann erstmal zusammen in der Berliner Kaffeerösterei besucht, in der sie gearbeitet hat und ein bisschen mit Fragen gelöchert. Und dabei schon gemerkt: Acht Stunden in der Küche stehen, umgeben von heißen Öfen, das ist anstrengend. Aber man hat auch gesehen, wie vielfältig der Beruf ist. Ich hab halt immer wieder geguckt: Kann ich Sofia irgendwie helfen, mit meinen Freunden oder meinem Netzwerk? Und manchmal hat das dann geklappt.

Sofia: Mein Praktikum habe ich dann später in einem Macaronladen gemacht. Da wurde auch viel „Keks-Art“ gemacht: Das sind Kekse, die ziemlich aufwendig verziert sind. Das habe ich dort dann die meiste Zeit lang gemacht.

Josie: Einen der Kekse von Sofia haben meine Oma und mein Opa dann später zu Ostern geschenkt bekommen.

Gemeinsam Berlin: Aber dein Berufswunsch hat sich dann später noch einmal verändert, Sofia?

Sofia: Genau, einige Zeit nach dem Praktikum. Ich möchte jetzt gerne Game-Designerin werden. Und auch da konnte mir Josie wieder mit ihrem Netzwerk helfen.

Josie (lacht): Das war eigentlich ganz lustig. Das erste Mal, dass du diesen Wunsch erwähnt hast, das war wieder bei einem Training von „Rock Your Life“. Es gibt drei Trainings, die im Mentoring-Programm fest vorgesehen sind: Zuerst ein Kennenlern-Training, dann ein Training zum Thema „Jobcoach“ und am Ende ein Abschlusstraining, das „Dein Weg“ heißt. Wir haben beim zweiten Training deshalb mal so Berufe gesammelt, die Sofia sich für ihre Zukunft gut vorstellen könnte. Da fielen als Ideen dann eben Konditorin, aber zum Beispiel auch Innenarchitektin als möglicher Beruf.

Sofia: Auch die anderen Teilnehmer konnten aufschreiben, welche Berufe sie sich für die Mentees vorstellen könnten. Da hat dann jemand „Game-Design“ auf meinen Zettel geschrieben, glaube ich.

Josie: Wir haben dann versucht, uns konkrete Ziele zu überlegen, die zum Berufswunsch passen. Ich hab mir dann also damals vorgenommen, mich mal umzuhören.  Ich spiele jetzt nicht viele Computerspiele oder so, deshalb war ich mir erstmal nicht sicher, wie ich da helfen kann. Ich war aber in Spandau auf dem Gymnasium und habe noch zu einigen Leuten Kontakt, mit denen ich damals Abi gemacht habe. Und ich konnte mich dunkel daran erinnern, dass eine Freundin von mir jemanden kannte, der Gamedesign macht oder in dem Bereich arbeitet. Sie hat dann den Kontakt hergestellt und in diesem Sommer hab ich ihn gefragt, ob er sich mal mit Sofia und mir treffen würde. Das haben wir dann gemacht. Ich war da relativ schnell raus aus dem Gespräch, weil ich keine Ahnung hatte, worüber sie da sprechen (lacht), aber man hat den beiden total angemerkt, dass sie in ihrem Element sind.

Sofia und Josie im Park Sansoucci in Potsdam (Foto: Privat)

Sofia: Das Gute war auch, dass er mir dann am Ende angeboten hat, dass ich ihn an einem Tag in der Firma besuchen kann, in der er arbeitet und da so ein bisschen reinschnuppern kann. Das hab ich dann gemacht und es war ziemlich cool. Er hat mir dann auch vom Berlin Mini Jam erzählt, dort kommen Leute einen Tag lang zusammen und designen zusammen ein Spiel. Ich bin dort dann mit ihm und seiner Freundin, die auch Gamedesignerin ist, und einem Kumpel von mir hingegangen. Wir haben dort dann auch noch zwei Programmierer getroffen, zusammen mit ihnen waren wir dann ein Team. Das war voll cool.

Josie: Dass der Bekannte da den Kontakt gehalten und Sofia eingeladen hat, hat mich schon sehr gefreut. Das Schöne war auch, dass er zu Sofia gesagt hat, wie toll es ist, dass sie in ihrem Alter schon weiß, dass sie das machen möchte. Wir waren dann ja auch noch an der HTW (Hochschule für Technik und Wirtschaft, Anm. d. Redaktion), möchtest du das noch erzählen, Sofia?

Sofia: An der HTW in Berlin kann man ja auch Gamedesign studieren. Da war eine Ausstellung von ehemaligen Bachelorstudenten, die ihre Projekte vorgestellt haben. Da konnte man viel ausprobieren, das war auch sehr cool.

Josie: Ich hab bei diesen Themen immer gesagt: Okay, davon habe ich keine Ahnung – also müssen wir jetzt Leute finden, die Ahnung davon haben. Das haben wir auch bei einem der „Rock Your Life“-Trainings mal unter dem Motto „Hol-Prinzip“ besprochen: Wenn ich bei einem Thema nicht weiterhelfen kann, dann kann ich immer noch dabei helfen, Leute „heranzuholen“, die es können.
Der Bekannte, der Gamedesign studiert, ist dann letztlich auch wieder so etwas wie ein Mentor für Sofia geworden.

Gemeinsam Berlin: Du gehst zurzeit aber noch zur Schule, Sofia?

Sofia: Ich bin jetzt in der elften Klasse, das heißt, ich fange jetzt mit dem Abitur an. Wir haben ein Jahr lang Einführungsphase, und 2020 geht es dann richtig los.

Josie: Das hat sich jetzt natürlich auch verändert: Als wir uns kennenlernten, wollte Sofia ja noch Konditorin werden. Dann hätte sie jetzt auch aufhören können mit der Schule. Jetzt braucht sie das Abitur, wenn sie Gamedesign studieren will – und wenn sich doch noch etwas an ihren Plänen ändert, kann sie dann ja immer noch eine Ausbildung anfangen.

Gemeinsam Berlin: Welche Rolle hat „Rock Your Life“ in den letzten zwei Jahren in eurer Mentoring-Beziehung gespielt?

Josie: Wir hatten eine MPK, eine sogenannte Mentorenpaarkoordinatorin, die hat sich alle vier bis sechs Wochen mal bei mir gemeldet und mich gefragt, wie es so läuft und ob Sofia und ich noch Kontakt haben. Einfach, damit die Leute von „Rock Your Life“ noch ein bisschen im Blick haben, wo überhaupt noch Mentoringbeziehungen bestehen. „Rock Your Life“ gibt da jetzt keinen fixen Rahmen vor und sagt, dass man sich alle drei Wochen sehen muss, oder so. Das war komplett uns überlassen. Wir haben uns zwischendurch auch manchmal acht Wochen lang nicht gesehen, oder so: Dann hat eine von uns beiden Prüfungen geschrieben, oder es stehen die Sommerferien an. Das ist dann ja auch nicht so schlimm, solang man sich insgesamt regelmäßig sieht.  Über die Koordinatorin wurden wir dann auch manchmal zu übergreifenden Treffen von „Rock Your Life“ eingeladen, wir waren zum Beispiel zusammen Schlittschuhfahren. Die Koordinatorin hat uns auch immer zu den Trainings eingeladen. Ich finde das Konzept mit der Trainerausbildung so gut, dass ich die Ausbildung auch gerne machen würde. Letztes Jahr hat es zwar noch nicht geklappt, aber ich werde mich wahrscheinlich wieder bewerben. Wenn man schon einmal als Mentor mitgemacht hat, dann hat man ja auch schon einen guten ersten Überblick darüber, wie das alles abläuft.

GEMEINSAM BERLIN: Wie hat euch das Mentoring-Projekt insgesamt gefallen?

Josie: Ich finde, das ist schon eine tolle Sache. Es ist letztendlich auch gar nicht so viel Arbeit: Klar, du musst dir Zeit dafür nehmen. Aber im Endeffekt erzählst du ja nur von deinen eigenen Erfahrungen, und Dingen, die dir selbst weitergeholfen haben. Ich bin bei Sofia aber auch immer auf offene Ohren gestoßen, das motiviert natürlich auch in besonderem Maße. Ich hab es auf jeden Fall total gerne gemacht und würde es auch gerne wieder machen, nur gerade habe ich leider keine Zeit dafür.

Was glaubt ihr denn, wie eure Mentorbeziehung jetzt weitergehen wird?

Josie: Wir haben am Anfang so einen Ordner bekommen, mit Infomaterial und ein paar Zetteln, auf die wir unsere Ziele und Wünsche schreiben konnten. Da ist auch ein Zettel dabei, auf dem steht: Wie geht ihr damit um, wenn eure Mentoringbeziehung endet? Es steht einem natürlich frei, was man danach daraus macht. Man kann also auch nach zwei Jahren sagen: Das war’s. Ich mache meinen Master in Psychologie jetzt in Jena, deshalb bin ich nicht mehr unbedingt regelmäßig in Berlin, aber ab und zu immer noch da. Ich denke deshalb schon, dass wir noch Kontakt halten werden.

Sofia: Das denke ich auch!

Die Kachel hat Josie in einem Keramikkurs bemalt, an dem Sofia und sie teilgenommen haben. (Foto: Privat)

 

 

Redaktion GEMEINSAM BERLIN (CZ)

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