Raúl Aguayo-Krauthausen, 39, setzt sich als Aktivist für Inklusion und Barrierefreiheit ein und hat dafür unter anderem den Sozialhelden e.V. ins Leben gerufen. Im Gespräch mit GEMEINSAM BERLIN erzählt er von seinen Ideen und Anregungen für einen inklusiven Bürgerhaushalt.

Herr Krauthausen, wofür setzen Sie und Ihr Team sich beim Sozialhelden e.V. ein?

Als gemeinnütziger Verein sind wir jetzt seit 15 Jahren aktiv. Unsere Vision ist es, den Mainstream für die Belange von Menschen mit Behinderung zu sensibilisieren. Die meisten Dienstleistungen funktionieren nämlich mit nur wenigen Anpassungen auch für Menschen mit Behinderung, und die Gründe für Nicht-Anpassung hängen meistens mit Unachtsamkeit und nur sehr selten mit Unmöglichkeit zusammen.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Wenn ich in Berlin mit den öffentlichen Verkehrsmitteln von A nach B gelangen und mir dafür anschauen möchte, an welchen Stationen ich den Lift benutzen kann, dann muss ich die Verfügbarkeit bisher über mehrere Apps nachschauen, weil jeder Betrieb nur jeweils die eigenen Fahrstühle aufgelistet hat. Mit Elevate arbeiten wir beim Sozialhelden e.V. aktuell an einem Informationsservice, der alle Aufzüge in einem Programm zusammenfasst. Das würde die Suche deutlich vereinfachen.

An Beteiligungsverfahren nehmen bestimmte gesellschaftliche Gruppen wenig bis gar nicht teil. Dazu gehören unter anderem Menschen mit psychischen oder physischen Beeinträchtigungen. Wie erklären Sie sich diesen Umstand?

Was die Mitsprache bei politischen Prozessen betrifft, hat sich bei Menschen mit Behinderung eine jahrzehntelange Entwöhnung eingestellt. Wer nie gefragt wird, entwickelt mit der Zeit zwangsläufig eine niedrige Erwartungshaltung an solche Beteiligungsverfahren.

In der Literatur finden sich vor allem drei Gründe für Nicht-Beteiligung: Fehlende Ressourcen, mangelndes Interesse und mangelnde Zugänge. Decken sich diese Gründe aus Ihrer Sicht mit den Hauptgründen für Nicht-Beteiligung von Menschen mit Behinderung?

Auf jeden Fall ist die Frage der Beteiligung für viele Menschen mit Behinderung auch eine Ressourcenfrage. Bei begrenzter Zeit, die mir zur Verfügung steht, setze ich zunächst einmal die Priorität, meinen eigenen Alltag zu bewältigen. Wie viel Zeit habe ich dann noch für eine solche Form der Beteiligung? Welcher Aufwand ergibt sich für mich, wenn ich mich beteiligen möchte? Erfahre ich einen solchen Beteiligungsprozess barrierefrei? Das ist ganz klar auch eine Frage der Mobilisierung.

Ganz wichtig ist aber auch die Frage, worüber überhaupt abgestimmt wird. Geht es beispielsweise nur um die Frage, ob ein öffentlicher Park entstehen soll? Oder stellt sich hier von Anfang an auch die Frage, wie er angelegt wird? Wird das so umgesetzt, dass Menschen mit Behinderung davon profitieren, bin ich hier überhaupt mitgemeint? Die Erfahrungen der letzten Jahre haben diesbezüglich leider vor allem zu Frustration geführt.

Ich kann mir außerdem vorstellen, dass auch Einsamkeit eine Rolle spielt. Einige Menschen mit Behinderung ziehen sich aufgrund der Diskriminierungserfahrungen, die sie gemacht haben, zurück und wollen ihren sicheren Rückzugsort auch nicht verlassen.

Wäre dann womöglich eine aufsuchende Beteiligung, also Menschen in ihrer gewohnten Umgebung aufzusuchen und anzusprechen, eine Möglichkeit, um den Zugang zu Beteiligungsverfahren für Menschen mit Behinderung zu vereinfachen?

Absolut. Wenn ich wissen will, wie Jugendliche ticken, dann schaue ich doch auch am besten bei McDonald’s vorbei, oder? Es gibt natürlich nicht die Menschen mit Behinderung, aber es lohnt sich bestimmt, dafür einmal Sozialämter, Behindertenwerkstätte oder Fahrdienste für Menschen mit Behinderung aufzusuchen und dort vielleicht ein paar Flyer auszulegen. Auch Vereine wie der Pfeffersport e.V. oder das RambaZamba Theater kann man ansprechen, weil diese bereits landesweit Glaubwürdigkeit gewonnen haben, Reichweite erzielen und auch ein bereits sensibilisiertes Publikum mitbringen. Wenn man sein Vorhaben dann vernünftig kommuniziert, kann das sogar eine Form der Wertschätzung sein.

Raúl Aguayo-Krauthausen. photography © Esra Rotthoff 2013
www.esrarotthoff.com

Ein weiterer Lösungsansatz ist die Gewährleistung von barrierefreien Zugängen zu Beteiligungsverfahren. Wie muss diese Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderung aussehen?

Die Frage ist doch: Was meint hier eigentlich Beteiligung? Treffen wir uns im roten Rathaus, hören uns ein paar Vorträge an und stimmen dann gemeinsam ab? Wenn diese dann nicht in Gebärdensprache übersetzt sind, kann ein gehörloser Mensch da schon mal nicht mitmachen. Wenn es später beim Essen nur Stehtische gibt – das habe ich alles schon selbst erlebt – dann fühle ich mich nicht willkommen. Barrierefreiheit hört auch nicht beim Konzeptpapier auf – und das Gefühl, willkommen zu sein, fängt schon beim Betreten eines Treffpunktes an.

Nach welchen Kriterien sollte Ihrer Meinung nach die Auswahl der Teilnehmenden erfolgen, um gezielt auch Menschen mit Behinderung mit einzubeziehen?

Es wäre cool, wenn dabei ein repräsentatives Maß eingehalten wird, sonst kommen am Ende nur die, die es sich leisten können und keine Diskriminierungserfahrung mitbringen. Eine Quote ist dabei momentan die einzige Lösung, die es gibt. Ich bin in dieser Hinsicht auch nicht mehr bereit, über die Sinnhaftigkeit von Quoten zu diskutieren. Es ist dann auch wichtig, nicht zu schnell aufzugeben, sonst kristallisiert sich ganz schnell wieder eine Mehrheitsgesellschaft heraus. Es kann sein, dass das in bestimmten Fällen eine Aufwandsentschädigung erfordert, dass vielleicht Leute von Zuhause abgeholt werden müssen. Aber niemand hat gesagt, dass Inklusion einfach ist. Das fängt schon bei der Kinderbetreuung an!

Glauben Sie, dass sich die Einrichtung von „Bürgerorten“ als kontinuierliche, öffentliche und konsumfreie Anlaufstellen positiv auf die Inklusivität von Beteiligungsverfahren auswirken würde?

Für mich haben solche Orte einen ähnlichen sexy Charme wie Nachbarschaftshäuser: Die wirken auf mich eher betucht, alt und konservativ, in dem Sinne, dass ich dabei irgendwie an Pumpkaffee und VHS-Rekorder denken muss. Alternativ finde ich ja Bibliotheken richtig cool: Die sind oft erstaunlich innovativ, Teil des Städtischen, da kann man Meinungen und Stimmen einsammeln und es gibt auch meistens schon ein Angebot an Workshops und Lesungen. Sie haben auch schon im Vornherein eine andere, eigentliche Funktion, deshalb besteht in einer Bibliothek aus meiner Sicht nicht die große Gefahr, nur ein bestimmtes Klientel zu erreichen, das einen „Bürgerort“ vielleicht direkt zu seinem eigenen, exklusiven Ort machen würde. Außerdem sind Bibliotheken meistens barrierefrei.

Ein weiteres Problem, das Politik allgemein auszeichnet, ist, dass die Umsetzungen der Ideen oft sehr lange dauert und am Ende doch wieder ganz andere profitieren. Beteiligung allein lässt noch keine unmittelbare Verbesserung spürbar werden – um dem entgegenzuwirken, würde ich außerdem versuchen, an solchen „Bürgerorten“ einen Mehrwert für die Beteiligten zu schaffen: In meinem Umfeld denke ich da zum Beispiel an Repair-Cafés oder Hackathons. Da kannst du direkt etwas mitnehmen, das sich nicht durch Konsum ersetzen lässt: Wissen, Methoden, Kontakte, und nicht nur Kugelschreiber.

Interview: Clara Zink

Redaktion GEMEINSAM BERLIN (CZ)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.