Interview mit Linda Hüttmann über soziales Engagement in Berlin und den Zug der Liebe e.V.

Der Zug der Liebe e.V. setzt sich in Berlin für mehr Nächstenliebe und soziales Engagement ein, indem er ehrenamtlichen Initiativen eine Plattform bietet und einmal im Jahr eine friedliche Demonstration gegen Rechtspopulismus in Berlin organisiert. Linda Hüttmann, 34, war vor 5 Jahren Mitgründerin des Vereins. Seither ist sie ehrenamtlich für den Verein aktiv und dort unter anderem für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

Frau Hüttmann, was hat vor fünf Jahren dazu geführt, dass Sie gemeinsam mit anderen Menschen den Zug der Liebe e.V. gegründet haben?

Insbesondere die ganzen Demonstrationen von rechtspopulistischen Bewegungen wie Pegida oder der AfD, die immer weiter in die Öffentlichkeit geraten und in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Auch im eigenen Familienkreis mussten wir bald feststellen, dass es da eine gewisse Gefahr gibt, auszugrenzen und immer mehr dagegen zu sein, das Miteinander geht verloren. So kam irgendwann die Idee auf, sich stattdessen wieder für etwas einzusetzen, dafür dann auf die Straße zu gehen, sich aktiv für die Gesellschaft zu engagieren. Wir haben dann überlegt, ein Netzwerk für und mit non-profit-Organisationen zu bilden, um den Leuten wieder zu zeigen, was Nächstenliebe heißt, nämlich, sich ehrenamtlich zu engagieren. Eine Demonstration war dann aus unserer Sicht die perfekte Möglichkeit, darauf aufmerksam zu machen. Außerdem wollten wir Musik als Medium nutzen, das viele Menschen verbindet. Insbesondere durch elektronische Musik wollten wir so gerade junge Leute als Zielgruppe ansprechen, welche die non profit-Organisationen auf dem klassischen Wege vielleicht gar nicht erreichen würden.

Warum ist soziales Engagement für Berlin so wichtig?

Weil sich nicht nur in Berlin immer mehr Gruppen formieren, die darauf abzielen, Leute auszuschließen. Wir beim „Zug der Liebe“ wollen das Gegenteil erreichen und zeigen: Berlin ist anders, Berlin ist offen, Berlin steht für ein Miteinander. Wir wollen einfach zeigen, dass gerade ehrenamtliches Engagement eine Verbindung schaffen kann. Deshalb organisiert unser Verein mittlerweile auch Helferaktionen wie die Volunteer-Dates, bei denen wir in andere gemeinnützige Projekte gegangen sind und einen Ehrenamtstag veranstaltet haben. Wir haben dann unsere Reichweite durch unsere sozialen Medien dazu genutzt, um neue Leute zu motivieren, bei den Projekten mitzumachen. Ehrenamtliches Engagement ist eine Chance, um in Kontakt zu treten: Nicht nur für Leute, die schon lange in Berlin leben, sondern auch für Neuberliner, zum Beispiel Geflüchtete, um sich zu vernetzen und einen Tagesinhalt zu haben. Das bringt so viele positive Effekte mit sich, egal, welche Biografie man hat, für jeden gibt es irgendwie das passende Feld.

Linda Hüttmann. (Foto: Privat)
Wird soziales Engagement in Berlin Ihrer Meinung nach derzeit genug wertgeschätzt?

In den letzten Jahren ist da schon viel passiert. Zum Beispiel hat das Land Berlin vor einigen Jahren eine Sammel-Haftpflicht- und Unfallversicherung für ehrenamtlich engagierte Menschen in Berlin abgeschlossen: Damit sind auch diejenigen Menschen versichert, deren ehrenamtliche Tätigkeit nicht über einen Träger abgesichert ist. Dann gibt es seit einigen Jahren den Berliner Freiwilligenpass und die Ehrenamtskarte, mit denen das Land Berlin bürgerschaftliches Engagement anerkennen möchte.
Einmal im Jahr gibt es auch den Aktionstag „Berlin sagt danke“, an dem ehrenamtlich engagierte Menschen in Berlin kostenlosen Eintritt für viele Freizeit- und Kultureinrichtungen erhalten.
Auch der „Zug der Liebe“ ist ja jetzt als gemeinnütziger Verein anerkannt worden und wir empfinden das wahrscheinlich so, wie viele andere Organisationen auch: Auf der einen Seite fühlt man sich ein bisschen im Stich gelassen und hat den Eindruck, dass der Staat sich auf unserem Engagement ausruht. Auf der anderen Seite passiert da aber auch schon ganz viel, um das zu wertzuschätzen.

GEMEINSAM BERLIN will Möglichkeiten entwickeln, damit gemeinnützige Initiativen und vor allem die Menschen, die sich für sie engagieren, in der Stadtdebatte besser zu Wort kommen. Warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, gemeinnützige in der Stadtdebatte mitreden zu lassen?

Es ist so wichtig, dass gerade auch die kleineren Organisationen ein Sprachrohr haben. Es gibt zwar zum Beispiel den „Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband“, aber um dort Mitglied zu werden, müssen Initiativen dann auch bestimmte Voraussetzungen erfüllen, die kleine, komplett ehrenamtlich organisierte Initiativen nicht erfüllen können. Deren Stimmen gehen dann verloren. Beim „Zug der Liebe“ versuchen wir, diesen Initiativen eine Präsentationsfläche zu bieten: Das wird bei der Demonstration besonders bildhaft, wenn sich die Vereine mit ihren Logos auf den jeweiligen Wägen präsentieren können. Klar, viele Leute kommen wegen der Musik zur Demonstration, aber die laufen dann an den Logos von all diesen Umwelt-, oder Inklusionsprojekten vorbei und haben das vor Augen. Im Nachgang gibt es bei uns auch immer eine Feedbackrunde, wo dann rumgefragt wird, welche Gespräche stattgefunden haben und was während der Demonstration gespendet wurde. Es gibt da keine bestimmten Zielwerte, aber es ist trotzdem schön, das so mitzukriegen: Wenn wir eine Person erreicht haben, dann hat die ganze Aktion doch schon etwas gebracht.

 

Interview: Clara Zink
Beitragsbild: Jens Schwan

Redaktion GEMEINSAM BERLIN (CZ)