Porträtfotos von Mary Ivić und Annette Rosner von fluchterfahren

Annette Rosner und Mary Ivić haben zusammen das Projekt fluchterfahren gegründet.

Annette lebt seit acht Jahren in Berlin, war ursprünglich im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit tätig und hat lange Zeit im Ausland gelebt, unter anderem im Irak. Dann wurde ihr bewusst, dass sie das, was sie dort alles gelernt hat, eigentlich sehr gerne auch in Deutschland einbringen will. Und so entstand der Wunsch, sich explizit in der politischen Bildungsarbeit zu engagieren. 

Mary ist gebürtige Berlinerin und Sozialwissenschaftlerin. Schon während des Studiums beschäftigte sie sich viel mit Bildungsfragen und hat das dann auch zu ihrem Beruf gemacht. Sie beschäftigt sich mit Themen wie Chancenungleichheit und Zugang zu Bildung in Deutschland. Diese Kompetenzen kann sie nun auch gut in das Projekt einfließen lassen.

 

Annette, Mary, ihr habt dieses Jahr das Projekt fluchterfahren ins Leben gerufen, das sich für den Abbau von Vorurteilen und für die demokratische Teilhabe von Geflüchteten einsetzt. Wie genau funktioniert das Projekt?

Annette: fluchterfahren ist ein Projekt, das sich an der Schnittstelle zwischen politischer Bildung und Integration befindet. Wir glauben, dass durch persönliche Begegnungen, Vorurteile einfach wesentlich effektiver und eindrucksvoller aufgebrochen werden können als durch irgendein Buch. Unser Ansatz ist, dass wir Menschen mit Fluchterfahrung gemeinsam mit Menschen ohne Fluchterfahrung zu Multiplikator:innen der politischen Jugendbildung qualifizieren und diese dann Berliner Schulklassen besuchen. Dort erzählen die Menschen mit Fluchterfahrung über ihre eigenen Erfahrungen und sprechen auch allgemein über die Themenkomplexe Flucht, Migration und Ankommen in Deutschland. Das gesamte Material, das während der Qualifizierungsphase und auch durch die Begegnungen an den Schulen entsteht, wird anschließend zu Lehrmaterial aufbereitet. Dieses Lehrmaterial soll auch über Berlin hinaus die Erfahrung der Begegnungen wenigstens in digitaler Form ermöglichen.

Mary: Also der Fokus ist tatsächlich: Rein in die Schulen! Wir wollen, dass durch die Begegnungen mit Menschen, die Fluchterfahrung haben, etwas passiert bei den Schüler:innen. Das ist uns super wichtig. Und ich glaube, das erreicht man genau dadurch.

Annette: Und das Tolle ist, diese Begegnungen fangen schon vorher an. Also bereits in der Qualifizierung. Das konnten wir jetzt richtig schön beobachten. Dort begegnen sich Leute, die vorher auch nur so ein bisschen voneinander gehört haben. Und dann gibt es ein gegenseitiges Herantasten und es entstehen total schöne Begegnungen.

Mary: Es gibt auch schöne Überraschungen. Bestehende Vorannahmen von beiden Seiten werden durchbrochen. Das ist echt spannend zu erleben, auch jetzt schon in der Qualifizierungsrunde.

Wart ihr denn bereits an den Schulen? Und wenn ja: Wie ist es gelaufen?

Annette: Ja, das hat tatsächlich diese Woche angefangen. Das hat sich durch Corona natürlich alles verzögert, wir sind ja im Januar gestartet, aber da war an eine gemeinsame Qualifizierung nicht zu denken. Das heißt, damit konnten wir erst im Sommer anfangen und jetzt war die erste Generation unserer Multiplikator:innen so weit, dass sie am Montag die erste Begegnung in der Schule hatten. Und das war total schön. Wir waren ja beide nicht dabei. Aber wir haben Fotos geschickt bekommen und alle waren total begeistert von diesem Erlebnis. Es war total schön zu sehen, dass es so gut funktioniert hat.

Mary: Die wurden mit tosendem Applaus verabschiedet von den Schüler:innen.

Wow. Wie alt waren die Schüler:innen?

Annette: Das war eine 8. Klasse. Also tatsächlich haben wir schon sehr, sehr viele Anfragen von Schulen. Und ich kann das nicht so genau erklären, aber die meisten kommen tatsächlich aus dieser Jahrgangsstufe. Vielleicht hat es damit etwas zu tun, dass es dort im Lehrplan auch anfängt mit dem Thema Migration.

Gibt es denn noch mehr Personen, die mit euch beiden an dem Projekt arbeiten?

Annette: Wir sind gar nicht so viele insgesamt. Also wir beide und dann gibt es noch unseren Kollegen Stipo und eine Projektassistenz. Deswegen sind wir eigentlich ein solides Vierer-Team, was noch ein bisschen organisatorische Unterstützung von unseren Organisationen bekommt.

Wie seid ihr überhaupt auf die Idee gekommen, dieses Projekt zu starten?

Annette: Als ich 2017 aus dem Irak zurückkam, hatte ich Lust im politischen Bildungsbereich zu arbeiten. Also explizit an dem Thema Geflüchtete und was da an Vorurteile kursierte. Ich habe dann von einem Bekannten gehört, ein Lehrer in Kreuzberg, der einfach mal einen Geflüchteten in seine Klasse eingeladen hat, weil er dort Vorurteile bemerkt hat. Und Ahmet hat da einfach von seinem Leben erzählt und das hat wahnsinnig Eindruck gemacht auf die Schüler:innen. Danach wollten sie sich auch engagieren. Wir dachten, das kann man großflächiger anbieten. Also haben wir erstmal im Freundeskreis angefangen das zu organisieren. Nebenberuflich und ohne Geld. Mit einem ganz kleinen Team haben wir über ein Jahr Seminare organisiert und sind dann auch in ein paar Schulklassen und andere Kontexte gegangen und die Wirkung hat sich dort schon total abgezeichnet. Inzwischen habe ich für die Jiyan Foundation gearbeitet und die haben dann gesagt: „Hey, wir wollen auch in Deutschland aktiv werden, dieses Projekt hört sich super an, beantragt das doch über uns.“ Das hat dann natürlich die organisatorische Plattform gegeben, um überhaupt öffentliche Gelder zu beantragen. Ich habe das dann sehr lange probiert und war immer erfolglos. Bis ich dann auch wieder über Kontakte zum duvia e.V. gekommen bin, der gerade erst gegründet wurde zu diesem Zeitpunkt. Damit hatte ich dann einen Partner an der Hand, der eigentlich die Expertise reingebracht hat, was gerade die Qualifizierung in der politischen Bildungsarbeit und den postmigrantischen Kontext angeht. Und dann hat der Antrag geklappt. Und dann kam Corona.

Mary: Genau, als wir als duvia e.V. angefragt wurden, ob wir Bock hätten auf das Projekt, haben wir darüber nachgedacht und uns gedacht, das wäre total die gute Möglichkeit, langfristig in diesem Bereich zu arbeiten. Denn die Expertise von duvia liegt im demokratiepädagogischen Bereich.

Warum ist das Projekt wichtig? Welche Wirkung erhofft ihr euch? Wo glaubt ihr, dass das Projekt Veränderungsprozesse in der Gesellschaft, in Berlin anstoßen kann?

Mary: Ich bin davon überzeugt, dass alleine die Tatsache, dass da schulfremde Personen in eine Klasse kommen, einen emotionalen Effekt für Schüler:innen hat. Begegnungen beschäftigten dich im Nachhinein viel länger, die bleiben dir in Erinnerung, weil du nicht nur einen Text dazu gelesen hast, du hast jemanden gesehen, du hast jemanden sprechen gehört, du hast jemanden erlebt und die Glaubwürdigkeit ist eine andere. Dort wird nicht über Menschen mit Fluchterfahrungen gesprochen, dort sprechen Menschen mit Fluchterfahrungen. Also wenn wir über das Thema Vorurteile sprechen beispielsweise, dann werden die Schüler:innen konfrontiert mit Menschen, die Vorurteile erfahren und diese Begegnungen vergisst du einfach nicht.

Annette: Genau. Und was ich auch super wichtig finde ist, es findet ja immer mehr eine Fragmentierung in unterschiedliche Blasen statt. Man hört von anderen Leuten, man schaut so von der Ferne mal hin, aber man kommt so selten in Kontakt. Und das kann dort einfach mal passieren. Natürlich treffen die sich da nicht wieder mit den gleichen Leuten, aber einfach mal die Erfahrung zu machen, wie wertvoll es ist, mit den Leuten direkt zu sprechen, ist total wichtig. Und das ist der Mehrwert für die Schüler:innen. Aber auch für die Geflüchteten ist es natürlich total toll, sich nicht in diesem Diskurs wahrnehmen zu müssen als hilfsbedürftige, bemitleidenswerte Menschen, die an die Tür klopfen. Sondern zu sagen: „Ich stehe hier vorne, ich habe was beizutragen, ich habe wertvolle Beiträge und Perspektiven in diese Gesellschaft einzubringen.“ Das ist auch eine tolle neue Erfahrung.

Mary: Also ich glaube, echte Begegnungen bringen Menschen dazu, festgefahrene Vorannahmen und Konstrukte, die in deinem Kopf sind, zu hinterfragen. Und das ist eigentlich das wertvolle an Begegnungen. In dem Moment spürst du es vielleicht nicht. Das haben wir unseren Multiplikator:innen auch gesagt: „Ihr werdet gar nicht merken vielleicht, welche Steine ihr ins Rollen gebracht habt, aber ihr habt einen Stein ins Rollen gebracht.“ Durch den Perspektivwechsel den Schüler:innen dann vielleicht haben werden. Wir merken, wenn Menschen einander begegnen und sich aktiv zuhören, dann trifft einen das ganz anders und unterstützt dabei, eine andere Perspektive einzunehmen, Vorannahmen zu hinterfragen, eigene Denkmuster zu hinterfragen.

Annette: Und nur um noch eine Dimension aufzumachen, weil ich glaube, es wirkt auf unglaublich vielen Dimensionen: Wir sind ja in Berlin und wir sprechen ja auch von Klassen, wo viele Schüler:innen Diskriminierungserfahrungen machen und wo natürlich auch Kinder mit Fluchterfahrungen drin sitzen und vor allem super viele Kinder, deren Eltern oder Großeltern selber geflüchtet sind. Und das kann ein Anstoß sein, über diese Themen zu sprechen. Das hab ich auch so erlebt, dass Schüler:innen daraufhin sagen: „Krass, muss ich mal Opa fragen, wie das eigentlich war.“ Und das ist noch eine weitere Dimension, wie dieses Projekt wirken kann. Und die Kinder in den Klassen bestärken kann.

Warum sollten Berliner Schulen die Begegnung buchen?

Mary: Das Feedback aus Schulperspektive ist: „Was das ist sogar kostenfrei? Und es gibt unterstützendes Material, das ich nutzen kann, um das Thema Flucht und Migration aufzugreifen?“ Das hat natürlich auch damit zu tun, dass wir die Expertise mitbringen und wissen, wie die Arbeit einer Lehrkraft aussieht, wie herausfordernd sie auch ist, wie oft auch fachfremd unterrichtet werden muss. Und aus diesen Erfahrungen, die wir haben, wissen wir, wie dankbar so ein Angebot eigentlich angenommen wird. Wir sind sehr serviceorientiert. Wir kümmern uns, wenn eine Stunde bei uns gebucht wird, um das ganze Drumherum und wir sind kostenfrei für die Berliner Schulen. Und das ist tatsächlich bei so einem schwierigen Thema, wo oft auch Befangenheit herrscht, grandios.

Annette: Mein Eindruck ist einfach, die Lehrer:innen haben die Aufgabe, über dieses Thema zu sprechen. Sie haben aber auch noch 40.000 andere Aufgaben und haben da die Möglichkeit etwas abzugeben an Leute die perfekt qualifiziert sind dafür, allein schon durch ihre Identität.

Mary: Ich glaube auch, ein Vorteil, den wir haben, ist die Niedrigschwelligkeit. Du musst dich nicht extrem darauf vorbereiten, wir kommen einfach eine Stunde vorbei. Und das Projekt unterstützt den Inklusionsprozess an der Schule. Annette sagte es ja bereits, es gibt ja immer noch Willkommensklassen an den Schulen, es gibt Klassen in denen nur Geflüchtete sind, das heißt, die Schüler:innen begegnen geflüchteten Schüler:innen und aus Gesprächen mit den Schulleitungen weiß ich, dass es ganz viele Vorurteile gegenüber diesen Schüler:innen gibt. Und durch diese kleine Begegnung innerhalb der Klasse, kann ein Inklusionsprozess in Gang gesetzt werden. So dass diese Schüler:innen perspektivisch inkludiert werden in das Schulgeschehen. Und nicht wie eine kleine Insel für sich alleine sind. Das ist traurig zu beobachten manchmal, wenn man die Schüler:innen sieht, wie sie auf den Schulhöfen alleine sind und tatsächlich ausgegrenzt werden. Und deshalb trägt dieses Projekt auch zum Schulklima bei.

Kann bei euch theoretisch jede:r mitmachen?

Mary: Wir haben die Ausschreibungsphase gerade verlängert, explizit, um die Zielgruppe der Menschen mit Fluchterfahrung konkret anzusprechen und zu erreichen. Es bewerben sich sehr viele Menschen bei uns, die zum Beispiel einen pädagogischen Hintergrund haben, Sozialwissenschaften, Soziale Arbeit, Politikwissenschaften studieren. Bei uns können sich alle Menschen zwischen 18 und 35 Jahren bewerben, die ausreichend Deutschkenntnisse haben, sich also wohl fühlen in Deutsch vor einer Klasse zu reden.

Annette: Genau, aber dieser Studienschwerpunkt ist jetzt sowas, was wir beobachten, aber es ist auf keinen Fall darauf begrenzt. Es geht letztendlich gar nicht so sehr um einen bestehenden Wissenshintergrund, weil den kriegen sie ja bei uns, es geht um eine Haltung und um eine intrinsische Motivation zu sagen: „Ich will mich engagieren in dieser Gesellschaft, ich will ein Ehrenamt haben und ich will was bewegen. Ich merke, es stimmt was nicht und ich will mich da einbringen in dieser Gesellschaft.“ Wir suchen aktuell jetzt explizit noch Leute mit Fluchterfahrung. Was auch wichtig ist: Neben der sprachlichen Bereitschaft, muss auch die Bereitschaft da sein, sich mit der eigenen Geschichte einzubringen. Wir tun wahnsinnig viel dafür, bei der letzten Generation auch mit großem Erfolg, dass auch eine schöne Atmosphäre existiert, wo keine:r Probleme damit hat, sich zu öffnen.

Und wie viel Zeit muss man für dieses Engagement einplanen?

Mary: Die Qualifizierung hat feste Termine. Es gibt zwei Klausurfahrten am Wochenende zu Beginn und zum Abschluss. Außerdem gibt es drei ganztägige Seminare an Freitagen, einzelne Teamevents und dann geht’s los in die Schulen. Du kannst das alles tatsächlich nebenberuflich machen. Die Termine sind festgelegt, für die Seminare bräuchtest du frei, aber die Team-Events sind abends und freiwillig. Und für die Begegnungen an den Schulen kannst du eintragen, an welchen Tagen du kannst und dann bei diesen Begegnungen mitwirken.

Wie sieht das Multiplikator:innen-Team momentan aus?

Annette: Unser jetziges Team ist, was die Vorerfahrung mit diesen Themen angeht, total divers aufgestellt. Also es gibt Leute, die sich noch nie mit politischer Bildungsarbeit oder irgendwas in der Richtung beschäftigt haben, Leute, die auch gar nicht so viel Schulbildung erfahren durften, bis hin zu einer ausgebildeten Lehrerin, die jetzt hier in Deutschland nochmal ihren Abschluss nachholen muss und natürlich Leuten, die aus dem aktivistischen Bereich kommen. Wir haben Leute aus Deutschland, aus der Schweiz, aus dem Iran, aus Syrien und aus Afghanistan.

Mary: Und Kurden sind auch dabei.

Und was sind die Motivationen der Multiplikator:innen bei dem Projekt mitzuwirken?

Mary: Was ich glaube, was gerade passiert ist: Die Motivation mitzuwirken hat sich verändert. Am Anfang ging es viel um gesellschaftliche Ziele. Jetzt hat sich das Team aber auch als Gruppe gefunden. Also ich glaube, da herrscht jetzt eine ganz enge Verbundenheit, auch durch die Erfahrung, die sie miteinander teilen, das ist wunderschön zu beobachten.

Annette: Total. Wir haben jetzt für die neue Rekrutierungsrunde nochmal nachgefragt, warum sollten Leute mitmachen und da sagen eigentlich alle: „Es macht so Spaß und es ist so ein schönes Team.“ Also da wird es eigentlich emotional. Und wenn beiden Sachen da sind, also gesellschaftliches Engagement und Spaß, das ist schön.

Ihr seid ja gerade erst gestartet. Was wäre denn eure Vision für die Zukunft? Wo soll es mit dem Projekt mal hingehen?

Annette: Das ist tatsächlich etwas, mit dem wir uns gerade sehr viel auseinandersetzen. Wir kriegen gerade eine strategische Beratung, weil wir ein Stipendium gewonnen haben und wir müssen unser Folgeprojekt beantragen.

Mary: Wir haben gesagt, wir wären gerne mit fluchterfahren ein fester Bestandteil im Berliner Schulrahmenprogramm. Also ein festes Angebot, das Berliner Schulen buchen können. Vor allem auch vor dem Hintergrund, dass Schulen sich gerade sowieso öffnen und mit externen Bildungspartner:innen zusammenarbeiten wollen.

Annette: Ja und auch das Prinzip der persönlichen Begegnung, der Vermittlung von Themen durch persönlich betroffene Leute. Das soll der Kern bleiben und sich etablieren.

Klingt spannend! Wir sind gespannt, wo es hingeht. Vielleicht noch eine abschließende Frage: Unser Projekt heißt ja GEMEINSAM BERLIN und wir beschäftigten und ja damit, wie wir gemeinsam Berlin gestalten und neue Wege gehen können. Was ist eurer Meinung nach dafür wichtig?

Mary: Also, wenn wir jetzt im Schulkontext bleiben, würden wir sagen, dass Schulen keine geschlossenen Systeme in der Gesellschaft sein sollten. Wir möchten uns mit unserem Programm und mit unserem Angebot dafür einsetzen, dass Schulen sich öffnen für die Gesellschaft. Wenn wir als externe Multiplikator:innen die Schüler:innen erreichen und auch die Lehrkräfte, glauben wir, dass wir sie dazu  bekommen, sich ganz direkt mit der Gesellschaft zu beschäftigen.

Annette: Um daran anzuschließen, was Mary gesagt hat, dass Schulen sich öffnen: Schulen, und in gewisser Weise auch unsere Gesellschaft, sind als Ganzes sehr durchstrukturiert und unflexibel und es scheint so, als wolle man immer wieder die gleichen Muster wiederholen. Uns geht es darum, dass sich Gruppen nicht voneinander abgrenzen, dass man vorgefertigte Muster nicht immer wieder wiederholt, sondern, dass man ganz offen und wertschätzend mit neuen Einflüssen und Perspektiven umgeht und die Beiträge aller Gesellschaftsmitglieder aufgenommen werden und somit etwas cooles Neues geschaffen wird. Veränderung nicht als Bedrohung, sondern Veränderung als Chance. Das hört sich so platt an. Aber es geht darum, einfach eine gewisse Neugierde mitzubringen.

Mary: Schule einfach als Raum zu nutzen. Also es ist ja tatsächlich ein physischer Raum. Und es ist doch dramatisch, dass dieser physische Raum von 8-16 Uhr bestenfalls, manchmal auch nur bis 14 Uhr, geöffnet ist und danach die Türen schließen. Aber jetzt stellen wir uns doch mal vor, die Berliner Gesellschaft könnte ein- und ausgehen in der Schule. In der Schule würden Begegnungen vielleicht nicht nur für Schüler:innen angeboten werden, sondern auch im Rahmen von Studientagen oder Nachbarschaftsveranstaltungen. Wie cool wäre das denn, wenn Schule also nicht nur ein eigenes System ist, sondern ein echter physischer Raum, der ganz aktiv genutzt wird, um den gesellschaftlichen Wandel voranzutreiben, Vorurteile abzubauen.

Annette: Genutzt und mitgestaltet. Von mehr Leuten als den Kultusminister:innen.

Mary: Genau. Und auch von der Nachbarschaft. Das man sagt: „Kommt rein in die Schule.“ Es gibt schon super viele coole Initiativen, zum Beispiel wo Senior:innen in die Schule kommen zum Vorlesen und zum Frühstück machen, das alles ist da und das könnte man ausbauen. Ich glaube durch Projekte wie fluchterfahren kann man echt was bewegen und den Austausch in der Gesellschaft fördern.

Annette: Ist natürlich auch erst alles möglich nach Corona, denn dieses ganze Öffnen und Begegnen ist natürlich gerade nicht so im Trend. Wenn man sich einmal bewusst ist, wie wichtig und wirksam das offene Begegnen sein kann, dann wird einem auch bewusst, wie viel Schaden gerade passiert und wie aktiv man daran arbeiten muss, dass es nicht weitergeht und dem auch entgegengewirkt. Und dafür sorgt, dass auch etwas von dem, was jetzt verloren gegangen ist, wieder wettgemacht wird. Weil für unsereins sind es halt anderthalb Jahre, aber für Schüler:innen sind es extrem prägende Zeiten.

Das Projekt wird gefördert durch den Asyl-, Migrantions- und Integrationsfonds der EU (AMIF) und die Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales.

Redaktion Gemeinsam Berlin (JK)